13.12.2011
Geringverdiener sterben jünger

"Reichtum macht nicht glücklich", sagt ein ironisches Sprichwort, "aber er beruhigt ungemein." Überhaupt nicht scherzhaft sind die Folgerungen aus Zahlen der Deutschen Rentenversicherung zur Beziehung von materieller Situation und Lebenserwartung: Geringverdiener leben kürzer als Gutverdiener, und im Gegensatz zur Gesamtentwicklung sinkt ihre Lebenserwartung weiter.

Die Deutsche Rentenversicherung lieferte entsprechende Zahlen für die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage der Linken im Bundestag. Abwiegelnd wird zwar noch die statistische Aussagekraft der vorliegenden Zahlen bemängelt, weil die Erhebungsgruppe nach Ansicht der Rentenversicherung mit knapp 20.000 zu klein sein soll - Experten allerdings sehen einen längst erkannten Trend bestätigt.

Niedriglohnsektor drückt Lebenserwartung

Wer im Niedriglohnsektor gearbeitet hat, stirbt demnach früher als KollegInnen mit besserem Einkommen. Ebenso alarmierend ist die Entwicklung der Lebenserwartung: Während diese bekanntlich insgesamt durch bessere medizinische Versorgung und insgesamt weniger belastende Lebensumstände kontinuierlich steigt, nimmt sie bei Geringverdienern ab.

Neoliberale Reformen ...

Wissenschaftler machen die Ursachen dafür in den Reformen aus, denen der Arbeitsmarkt und der Gesundheitssektor ausgesetzt sind. Seit der Agenda 2010 hat sich der Niedriglohnsektor immmens ausgeweitet; die Gesundheitsreformen bewirken, dass die Qualität der medizinischen Versorgung immer stärker an das Einkommen gekoppelt ist; die Praxisgebühr beispielsweise hat eine eindeutige Hemmwirkung für viele Geringverdiener.

... mit skandalösen Folgen

Die Zahlen der Rentenversicherung zeigen nun, wohin diese gerade in einem Land wie Deutschland skandalöse Entwicklung führt: Geringverdiener leben hier heute durchschnittlich wesentlich kürzer als vor zehn Jahren, konkret: Männer mit mindestens 35 Rentenversicherungsjahren und weniger als 75 Prozent des Durchschnittseinkommens wurden im Jahr 2001 durchschnittlich 77,5 Jahre alt, heute sind es bundesweit knapp zwei, in den neuen Bundesländern sogar 2,6 Jahre weniger.

"Wer arm ist, stirbt früher"

"Wer arm ist, stirbt früher - daran hat sich im Grunde bis heute nichts geändert", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" den Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Geringverdiener können sich demnach private Zuzahlungen zur medizinischen Grundversorgung und Medikamenten schlechter leisten, leben oft in weniger gesunden Wohnungen und ernähren sich häufig weniger gesund. Obendrein ist in ihrer Gruppe der Anteil jener höher, die in ihrem Berufsleben durch schwere körperliche Arbeit erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Hinzu kommt verbreitet prekäre Beschäftigung: "Durch häufig wechselnde Arbeitgeber und die Zunahme von Leiharbeit steigt der Druck auf die Beschäftigten. Sie leben in ständiger Sorge, morgen schon auf der Straße zu stehen."

Gegensteuern mit "offensiver Armutspolitik"

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, sieht darin eine Ursache für die Zunahme chronischer Krankheiten und kritisiert, die Politik habe die alarmierenden Entwickungen "mindestens in Kauf genommen". Er fordert ebenso wie Butterwegge, mit einer "offensiven Armutspolitik" gegenzusteuern. Dazu gehören materielle Grundversorgung sowie gerechte Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik, so Schneider: "Den Menschen muss zumindest die tägliche Existenzangst genommen werden."

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