17.08.2021
CARIAD: Sicherheit für Selbstbestimmung bei agiler Arbeit

Die IG Metall Bayern hat mit dem bundesweiten Tariftrag für die Softwareentwickler*innen von CARIAD Maßstäbe für die agile Arbeitswelt gesetzt – mit 35-Stunden-Woche und Selbstbestimmung. Professor Andreas Boes vom ISF München erklärt, wie wichtig das ist.

Auftakt für die Tarifverhandlungen für die Software-Entwickler*innen von CARIAD (ehemals Car.Software ORG) im Juli 2020

Prof. Dr. Andreas Boes vom ISF München

Ein neuer Tarifvertrag für Softwareentwickler in einem agil arbeitenden Unternehmen – wie wegweisend ist das?
Andreas Boes: Ein Tarifvertrag sorgt dafür, dass sich Menschen auf die Transformation einlassen können. Hier geht die IG Metall aktiv den Wandel der Arbeitswelt mit: Mit CARIAD will sich der VW-Konzern zum Techkonzern umbauen – mit einer veränderten Form des Arbeitens. Es geht bei der Wertschöpfung zunehmend um die Themen Software statt Spaltmaße. Und hier schafft ein Tarifvertrag die nötige Sicherheit für die Beschäftigten und regelt eine interessante Arbeitsumgebung human.

Tesla dagegen sagt: Gewerkschaften und Tarifzeugs interessiert uns nicht.
Boes: Deshalb ist es fundamental, dass der VW-Konzern hier den Gegenbeweis antritt – und sich sogar ein gewachsenes Unternehmen transformieren kann. Das stabile Fundament dafür sind Tarifverträge. Grundlegende Veränderung in der Autoindustrie geht nur, wenn die Menschen Sicherheit haben.

Was für Chancen bietet sogenanntes agiles Arbeiten?
Boes: Agiles Arbeiten bedeutet Arbeiten im Team und in sogenannten Sprints für Projekte. Dafür brauchen die einzelnen Beschäftigten und die Teams Freiheitsgrade. Wenn sie ihr Arbeitstempo und die Belastung so gestalten können, dass es gut läuft, profitieren alle. Agil kann ich Sachen ausprobieren und testen. Lernen und Kreativität gehören dazu.

Und welche Risiken bestehen?
Boes: Dass sich die Teams das Leben gegenseitig und untereinander zur Hölle machen. Kribbelig wird es, wenn Beschäftigten die Selbstbestimmung agilen Arbeitens nur vorgegaukelt wird; wenn die Teams und Beschäftigten nicht empowert sind, wenn sie in kurzen Zyklen mit Arbeit zugeschüttet werden. Wer nach Hause geht, dem darf nicht „Ach, Teilzeit?“ hinterhergerufen werden. Dafür braucht es soziale Kultur im Unternehmen.

Und das kann ein Tarifvertrag leisten?
Boes: Wenn er gelebt wird! Es ist eine Mär, dass Softwareentwickler nur arbeiten wollen. Sie wollen vor allem Souveränität. Und deshalb schaffen ihnen Regularien wie ein Tarifvertrag Sicherheit für ihre Selbstbestimmung.

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