16.08.2018
Playmobil: Arbeitertränen fürs Kinderzimmer

Was Kinder weltweit zum Lachen bringt, treibt den Müttern und Vätern der Playmobil-Spielewelten oft Angst und sogar Tränen in die Augen. Denn beim Hersteller der kleinen Spielzeugfiguren, Geobra Brandstätter mit Sitz im fränkischen Zirndorf, herrscht ein Klima der Angst.

Kein Fun bei Playmobil: Die Beschäftigten sind am Boden

Das Geobra-Brandstätter-Werk im fränkischen Dietenhofen (Fotos: IG Metall Bayern)

Selbst bei der Jahrhunderthitze im Sommer 2018 erleben die Playmobil-Mitarbeiter in der Plastik-Fabrik in Dietenhofen erst jüngst ein kaltherziges Unternehmen: Während Kollegen in der Spritzerei 37,5 Grad messen und IG Metall-Betriebsräte über die rechtliche Lage − etwa die Regelung zu Entwärmungsphasen − allgemein informieren, droht der Arbeitgeber postwendend per Aushang: Wer Pause mache, dem drohten "disziplinarische Maßnahmen". Stattdessen könnten Beschäftigte doch lieber „Selterswasser zu einem äußerst geringen Preis käuflich erwerben“.

Einfach die Fenster aufmachen ist nicht. In der Produktion sind die Fenstergriffe abmontiert – "weil sonst die Waage am Montageband spinnt", heißt es. Ein Beschäftigter, der sich selbst half, indem er einen Bodenhydranten für Löschwasser aufdrehte, wurde kurzerhand gefeuert. Dabei haben sie das seit Jahren immer so gemacht, wenn die Hitze in der Playmobil-Fabrik mal wieder unerträglich wurde – und ihr Arbeitgeber trotz der Ermahnungen der Gewerbeaufsicht nichts dagegen tat.

Von oben nach unten: Klima der Angst

Kündigungen, Abmahnwellen, Psychodruck und Versetzungen sind an der Tagesordnung: "Es fließen schon auch mal Tränen." „Heimlichtuerei macht den Angestellten Angst." "Nervlich gehen alle am Limit." Die Mitarbeiter-Urteile über Playmobil im Job-Bewertungsportal "kununu" sprechen, wenn sie nicht auffällig euphorisch formuliert sind, fast durchgängig eine Sprache: von immer steigendem Arbeitsdruck, Mobbing, Bossing und entsprechendem Duckmäusertum durch alle Ebenen – von Beschäftigten, über Bereichsleiter bis hin ins Management hinein.

Lediglich zahlenmäßig ist Geobra Brandstätter ein Top-Arbeitgeber: schuldenfrei, mit 2600 Beschäftigten und 2017 mit über 107 Millionen Euro Gewinn vor Steuern. Wer hier in der fränkischen Provinz sein Häuschen abzahlen muss, hat keine große Wahl außer der Qual bei Playmobil. "Ein derartiges Klima der Angst habe ich noch bei keinem anderen Unternehmen erlebt", sagt IG Metall-Betriebsbetreuerin Bianka Möller.

Leistungsdruck und Kündigungen

Wer kann, der geht: Allein in der Intralogistik mit 60 Beschäftigten kündigte in den letzten zwei Wochen jetzt jeder Zehnte. Oder 15 Mitarbeiter seit Jahresbeginn im Bereich Vertrieb. Und in mancher Abteilung ist fast jeder vierte Beschäftigte erkrankt – ein Hinweis darauf, wie es um die Arbeitsbedingungen bestellt ist. "Wie Viehzeug" würden Kolleginnen und Kollegen zwischen den Standorten zudem herumgeschoben, klagt ein Beschäftigter. Von einer Schicht auf die nächste von einem Standort zum andern

"Hinter dem Produkt stehen wir alle. Doch die Arbeitsbedingungen dahinter sind Sklaventreiberei", sagt ein langjähriger Beschäftigter. Wer das grau-blaue Werk zu Schichtbeginn betritt, muss auf Schikanen eingestellt sein. An Maschinen, die bis vor kurzem noch fünf Arbeiter benötigten, stellt Geobra Brandstätter jetzt nur noch vier. Ein elektronisches Überwachungssystem mit dem Namen „Hydra“ kontrolliert jeden persönlichen Schritt und meldet jede Sekunde Pause der Bediener nach oben. „Und wer eine produktionsbedingte Pause von etwa 50 Sekunden hat, muss dazwischen noch etwas montieren oder putzen“, sagt ein Kollege. Nebenher sollen die Beschäftigten auch noch ständig neue Leiharbeiter einarbeiten.

Hohe Stundenkonten, geringere Bezahlung

Dazu kommen massig Überstunden. Die Arbeitszeitkonten laufen über. Mancher Kollege zählt sogar mehrere hundert Plusstunden. Der Arbeitgeber sieht darin aber kein Problem. Damit der Betriebsrat, der über die Einhaltung der Arbeitszeitregeln zu wachen hat, nichts mitbekommt, werden Beschäftigte dazu gedrängt, die Arbeitszeit auf einem Zettel unterschreiben zu lassen statt einzustempeln, etwa bei Fabrikverkäufen am Sonntag.

Auch bei der Bezahlung hat sich seit dem Tod des Firmenpatriarchen Horst Brandstätter etwas geändert: Seit seine ehemalige Chefsekretärin Marianne Albert nun das Geld und die Macht hat, wurde es etwa auch für die neuen Kolleginnen und Kollegen im Zirndorfer "Playmobil-Funpark" unlustiger: Denn statt der 10,50 Euro von einst erhalten sie heute nur noch den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro.

Baum stört "Betriebsfrieden"

Doch neben der reinen Arbeitsverdichtung und Lohndrückerei sind es vor allem auch die persönliche Schikanen, die den Beschäftigten zu schaffen machen: Ein auf Facebook gefundener Schnappschuss eines Mitarbeiters in Firmenkittel wird ihm vom Vorgesetzten vor Kollegen unter die Nase gehalten: Er sei illoyal, weil er das Firmenlogo mit der Hand verdecke.

Oder es folgen Strafaktionen wie die mit dem Baum: Über 15 Jahre lang hatten Mitarbeiter in der Dietenhofener Logistikhalle in einem mobilen Pflanzkübel einen heute 3,5 Meter hohen Baum großgezogen. Eines Nachts jedoch musste der die identitätsstiftende Pflanze plötzlich weg, ohne Begründung. Es kam zu einer hitzigen Diskussion, ohne Erfolg. Im Gegenteil: Mehrere Beschäftigte wurden daraufhin freigestellt – wegen "Störung des Betriebsfriedens". Die Abteilung ist dafür bekannt, dass dort viele IG Metall-Mitglieder arbeiten.

"Klare Rechte statt Feudalismus!"

Negative Stimmung statt einer positiven Strategie scheint für Geobra Brandstätter die Unternehmenslinie nach innen zu sein: So hielt die Firmenleitung bei einer Betriebsversammlung 2017 lieber die Zahlen in die Luft, wie viele Leute andere Unternehmen hinauswerfen und ins Ausland verlagern – statt etwas über die Firmenzahlen und die Perspektive bei Playmobil zu sagen.

IG Metall-Gewerkschafterin Bianka Möller gibt den Betrieb und die Beschäftigten aber nicht auf. Im Gegenteil verzeichnet die IG Metall bei Playmobil gerade eine Eintrittswelle: "Gute Produkte und Unternehmenszahlen brauchen gute Beschäftigte. Und Beschäftigte brauchen gute Arbeitsbedingungen und klare Rechte statt Angst und Feudalismus."

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