30.06.2018
IG Metall-Bezirkskonferenz: Kein Mucksmäuschen, sondern Macher

Von Arbeitszeit über Digitalisierung und Tarifbindung bis zur Zukunft der Gewerkschaft: Die Ansprüche der IG Metall Bayern an sich und die Politik sind hoch. Die wichtigsten Themen und Ziele.

Teilnehmerinnen diskutieren auf der Bezirkskonferenz

Bezirksleiter Jürgen Wechsler bei seinem Geschäftsbericht

Entschlossen die Digitalisierung zu gestalten: Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall

Bayerns DGB-Chef Matthias Jena (Mitte) ehrte die Mitglieder Helene Grill (l.) und Michael Krebs(r.) mit der Hans-Böckler-Medaille

Rund 100 Delegierte aus ganz Bayern haben auf der 68. Bezirkskonferenz die IG Metall Bilanz gezogen und sich für die Zukunft aufgestellt. IG Metall-Bezirksleiter Jürgen Wechsler sagte: "Als Metallerinnen und Metaller sind wir keine Mucksmäuschen, sondern wir sind Macherinnen und Macher." Das sind die wichtigsten Themen und Ziele:

Neue Arbeitszeitrechte: "Wer will, der kann!"

In einer historischen Tarifrunde und 333.300 Beschäftigten auf der Straße und ganztägigen Warnstreiks hat die IG Metall 2018 in der Metall- und Elektroindustrie neue Arbeitszeitrechte durchgesetzt: Darunter das Recht auf eine verkürzte Vollzeit mit Rückkehrrecht, die Wahloption für Schichtarbeiter, Eltern und Pflegende auf acht zusätzliche freie Tage. 

Bezirksleiter Jürgen Wechsler: "Das ist ein historischer Erfolg wie der Einstieg in die 35-Stunden-Woche 1984." Jetzt müsse aber das Ziel sein, dass sich Arbeitgeber nicht freikaufen, sondern der Tarifvertrag gelebte Praxis wird. Wechsler: "Das haben die Kolleginnen und Kollegen erkämpft und das haben sie verdient!" Für die Zukunft kündigte der Bezirksleiter an: "Die IG Metall kann kämpfen. Und wir werden auch in Zukunft kämpfen, wenn es nötig ist!"

Digitalisierung und Industriepolitik: "Gestalter statt Getriebene!"

Insbesondere die Autoindustrie mit ihren Zulieferern steht vor den größten Veränderungen, seit es das Auto gibt: Sie kämpft mit Klimaerwärmung, Stickoxiden, Fahrverboten, Digitalisierung und Elektromobilität. Die Linie der IG Metall Bayern dabei: "Wir brauchen  bessere Technologien für einen besseren Umweltschutz. Und für bessere Technologien brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen." Deshalb müsse nun der neue Autopakt zwischen Staatsregierung, Unternehmen, Betriebsräten und IG Metall mit Leben gefüllt werden. Wechsler: "Es darf keine Verlierer geben!"

Dazu brauche Bayern sowohl Innovation durch Wissen als auch Wertschöpfung durch Produktion. Neue Technologien dürften nicht aus Asien kommen, sondern müssten "gedacht und gebaut in Bayern" werden. Deshalb setzt sich die IG Metall für sichere Arbeitsplätze mit einer Weiterbildungsoffensive und für eine bayerische Batteriezellenproduktion ein.

Die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, setzt sich angesichts des Wandels für einen Fünf-Punkte-Plan ein: jeden Betrieb auf das Thema Digitalisierung abzuklopfen, Qualifizierung für Beschäftigte, Datenschutz statt Überwachung von Beschäftigten, den Schutz vor physischer und psychischer Belastung und die Beteiligung der Beschäftigten. "Das muss ein großes Gemeinschaftsprojekt von Staat, Arbeitgebern und uns Gewerkschaften werden. Man muss Vertrauen bei den Menschen aufbauen. Die Botschaft heißt: Ihr werdet nicht alleine gelassen!", sagte Christiane Benner.  

Tarifbindung: "Wer sich drückt, betrügt Beschäftigte"

Bezirksleiter Jürgen Wechsler nannte die Tarifbindung eine "Aorta für ein besseres Leben - die Hauptschlagader für einen sozialen Wirtschaftskreislauf". Doch der wird gerade in Bayern von besonders vielen Unternehmen unterbrochen. So rangiert Bayern bei der gesamtwirtschaftlichen Tarifbindung in Westdeutschland auf dem letzten Platz. Die IG Metall Bayern fährt hier zweigleisig: "Wir brauchen gesetzliche Lösungen: ein bayerisches Tariftreue- und Vergabegesetz, das tarifgebundene Unternehmen statt die Billigheimer honoriert", forderte Jürgen Wechsler. Zudem brauche es gesetzliche Regeln, dass sich Unternehmen in eine Tarifbindung begeben müssen.

Den Unternehmen schrieb Wechsler ins Stammbuch: "Wer sich drückt, Tarifflucht betreibt, betrügt nicht nur die Menschen um ihren gerechten Anteil. Der schaufelt sein eigenes Grab. Wer Fachkräfte will, braucht uns als Experten für gute Arbeit und gute Tarifverträge."

Gleichzeitig sieht die IG Metall Bayern mehr Tarifverträge im Land als eigene Hausaufgabe: "Tarifverträge sind Machtfragen. Wer durchsetzungs- und streikfähig ist, bekommt auch einen Tarifvertrag", erklärte Wechsler. Im vergangenen Jahr gelang das in gut zwei Dutzend Betrieben: Damit erkämpfte die IG Metall mit und für 6000 Beschäftigte richtige Tarifverträge für ihre Unternehmen.

Mitgliederwachstum: Die 400.000er-Grenze reißen

2017 zählte die IG Metall Bayern über 377.000 Mitglieder - 6,6 Prozent mehr als noch 2010. Damit ist sie kräftig gewachsen, trotz der demographischen Entwicklung. Insbesondere bei den Angestellten und Hochqualifizierten ist die IG Metall angesagt wie nie und Auszubildende zeigen sich sehr eintrittsfreudig. Jürgen Wechsler: "Das funktioniert nicht, wenn wir über die Beschäftigten sprechen. Das funktioniert, wenn wir mit ihnen sprechen." Sein Ziel für die nächste Zeit lautet deshalb: "Wir wollen zusammen die 400.000er-Grenze übersteigen!"

» drucken


dabei sein!
Arbeitszeitkampagne