28.11.2016
Arbeitszeit: flexibel mit Tarif

In die Diskussion um Industrie 4.0 und Digitalisierung bringen die Arbeitgeber derzeit gern den Hinweis ein, das Arbeitszeitgesetz sei künftig überholt und behinderte als Flexibilitätsbremse den Übergang in die Zukunft der Arbeit. Wissenschaftlich gesehen ist das kaum zu halten - der bestehende gesetzliche Rahmen bietet in Verbindung mit entsprechenden Tarifverträgen längst genug Flexibilität.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) veröffentlicht eine Studie, für die ein repräsentativer Querschnitt der deutschen Tariflandschaft unter Gesichtspunkten der Arbeitszeitflexibilität untersucht wurde. Das Ergebnis auf den Punkt gebracht: Pauschale Forderungen nach noch mehr Flexibilisierung und einer Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes sind nicht nur unnötig, sondern würden obendrein die Probleme der Beschäftigten verschärfen, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen.

Unter (noch) flexibleren Arbeitszeiten stellen sich Arbeitgeber naturgemäß anderes vor als Beschäftigte. Sie würden am liebsten je nach Bedarf länger arbeiten lassen können, ohne durch Stundenlimits und Ruhezeiten Rücksicht eingeschränkt zu werden. Die Arbeitnehmer_innen ihrerseits hätten vor allem gern bessere Möglichkeiten, ihre Arbeitszeit an individuelle Bedürfnisse anzupassen.

Tarifverträge bieten der Untersuchung zufolge bereits Ansätze, diesen Interessenkonflikt aufzulösen. Dabei besteht aktuell eher ein Ungleichgewicht zugunsten der Unternehmen. Sie haben in der Regel genügend Spielraum zur Anpassung an Auslastungsschwankungen, die Experten konstatieren generell "sehr große betriebliche Gestaltungsmöglichkeiten bei Lage und Verteilung der regelmäßigen Arbeitszeit".

In der Praxis heißt das: Abweichungen von der festgelegten Wochenarbeitszeit sind meistens unproblematisch, Überstunden meist nur sehr großzügig gedeckelt, in manchen Branchen gibt es Korridore für die reguläre Arbeitszeit, in anderen wieder sind zeitlich begrenzt Ausweitungen der Stundenanzahl pro Tag und Woche möglich. Und läuft es einmal nicht so gut, lässt sich auch darauf reagieren, denn befristete Verkürzungsmöglichkeiten als beschäftigungssichernde Maßnahme sind eher die Regel als die Ausnahme.

Einiger Handlungsbedarf besteht im Gegensatz dazu noch mit Blick auf die Interessen der Beschäftigten. Ein tariflich festgelegter Anspruch auf Teilzeit existiert nur in, Ansprüche auf den Wechsel in die Vollzeit wiederum sind meist an die betrieblichen Verhältnisse gekoppelt. In etlichen Bereichen hat übrigens gerade die IG Metall Pionierarbeit geleistet, etwa bei Regelungen zur Freistellung für die persönliche Qualifizierung im mit dem Abschluss 2015 durchgesetzten Bildungstarifvertrag.


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