22.11.2016
Erfolgreiche China-Studienreise für Betriebsräte

Ende Oktober besuchte eine Studiengruppe der Kritischen Akademie Inzell China. Auf dem Programm standen vor allem Betriebsbesichtigungen und Gespräche mit Arbeitnehmervertretern und Managern. Zur Gruppe gehörten vor allem Betriebsräte aus der Automotive-Industrie und aus dem Maschinenbau.

Stark engagiert in China: die Schaeffler AG.

Seminar zu den Arbeitsbeziehungen in China.

Die Reise führte von Guangzhou, dem Zentrum der "Fabrik der Welt" im Perlflussdelta, zunächst nach Shanghai und Taicang und Kunshan, großen Industriestädten in der Umgebung Shanghais. Weiter nach Norden ging es in die Provinz Shandong, Partnerprovinz von Bayern, und schließlich mit einem Besuch der Hauptstadt Peking. Die langen Strecken von Süd- nach Nordchina (insgesamt ca. 2.800 km) legte die Reisegruppe ausschließlich mit dem Zug zurück; Chinas moderne Hochgeschwindigkeitszüge erwiesen sich als schnelle, komfortable Transportmittel. Dagegen ging es in den Metropolen zuweilen sehr langsam voran; geschätzte 8 Stunden netto stand die Reisegruppe mit ihrem Bus im Stau.

Die Studienreise begann mit einem Einführungsseminar mit Wissenschaftlern der Sun Yatsen Universität Guangzhou, den ehemaligen Gewerkschaftsvorsitzenden der Provinz Guangdong bzw. der Stadt Guangzhou sowie einem Vertreter der deutschen Außenhandelskammer. Prof Luethje von der Sun Yatsen Universität gab einen Überblick in die Arbeitsbeziehungen in China, der von den chinesischen Gewerkschaftsvertretern sehr anschaulich ergänzt wurde. Allein in der südchinesischen Provinz Guangdong arbeiten 25 Mio. Industriebeschäftigte, die meisten im Niedriglohnbereich. Herr May von der AHK erläuterte die wirtschaftliche Bedeutung des Perlflussdeltas für China und die Weltwirtschaft.

Am nächsten Tag standen Betriebsbesichtigungen in der nahegelegenen Millionenstadt Foshan auf dem Programm. Im neuen Autowerk der Joint-Venture-Partner Volkswagen und des Staatskonzerns FAW laufen Modelle von Audi (3er) und VW (Golf) vom Band. Die Verdoppelung der Produktionskapazitäten von FAW-VW in Foshan für den grössten Automarkt der Welt steht bevor. Der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft informierte über die Arbeit der Betriebsgewerkschaft, die in China eine andere Rolle spielt als Betriebsrat oder betriebliche Gewerkschaftsvertretung in Deutschland.

Nachmittags besichtigte die Studiengruppe in Foshan das Ausstellungszentrum und das Museum des Elektrogeräteherstellers Midea. Der Konzern hält inzwischen knapp 95% der Kuka-Aktien. Ein Verantwortlicher von Midea informierte anschließend über die finanzielle und strategische Entwicklung von Midea und über die besondere Rolle von Forschung & Entwicklung, Innovation und der Digitalisierung. Midea wolle sich künftig mit an der Weltspitze der Industrie-Automatisierung und -Digitalisierung etablieren. Midea wolle auch im Raum München ein F&E-Zentrum aufbauen.

Nach der Weiterfahrt nach Shanghai und nach einer Stadtbesichtigung ging es in die Industriestadt Taicang in der angrenzenden Provinz Jiangsu. Dort sind die chinesischen Produktionsstätten von hunderten deutscher Konzerne und Mittelständler konzentriert, darunter auch Schaeffler mit 7.000 Beschäftigten. In seinem eindrucksvollen Vortrag stellte Dr. Zhang, Chef von Schaeffler China, die Entwicklung des Landes und Schaefflers China-Geschäft dar. Schaeffler macht in China mit insgesamt 12.000 Beschäftigten an fünf Standorten 2 Mrd. EUR Umsatz, der sich in wenigen Jahren nochmals verdoppeln soll.

Chinas Schnellbahnnetz soll von 12.000 km auf 40.000 km Streckenlänge ausgebaut werden. Schaeffler ist in China auch Bahnzulieferer. China hat 80.000 km Autobahnen (Deutschland: 15.000 km). Die PKW-Verkäufe wachsen von 24 Mio. 2015 auf 31 Mio. 2020. Gerade Chinas Autohersteller wachsen aggressiv, zu Lasten der internationalen OEMs, die immer noch "zu Hause" entwickeln und in China nur Lokalisierung machen. Das führe zu Problemen. China drängt auf mehr "local content", speziell bei E-Mobilität.

Schaefflers Personalchefin, Frau Janet Wang, stellte in ihrem Bericht die Probleme der alternden chinesischen Gesellschaft und des Fachkräftemangels heraus. 2035 werden in China 30-50 Mio. Facharbeiter fehlen. Sie berichtete, Schaeffler habe 2014 in Taicang die Löhne der Arbeiter gleich zweimal erhöht. Nach Aussagen des Vorsitzenden Pu Chen konzentriert sich die Betriebsgewerkschaft bei Schaeffler vor allem auf die Förderung der sozialen Beziehungen der Mitarbeiter und ihrer Familien; 50% der Schaeffler-Beschäftigten in Taicang sind Wanderarbeiter, die aus entfernten Provinzen stammen. Einmal jährlich findet eine Versammlung der Belegschaftsvertreter bei Schaeffler statt.

In der Nachbarstadt Kunshan besichtigte die Studiengruppe nachmittags die sogenannte Startup Factory, einen Industriepark speziell für kleinere deutsche Unternehmen, die in China fertigen (müssen), die aber die administrativen Kosten für den Aufbau einer eigenen Produktionsstätte scheuen.

Weiter nach Norden führte die Reise nach Weifang in der Provinz Shandong, die 97 Mio. Einwohner hat und die Partnerprovinz von Bayern ist. In Weifang sitzt der Staatskonzern Weichai Power, seit 2012 Hauptaktionär von Kion und Linde Hydraulics. Dort bekam die Studiengruppe einen herzlichen Empfang von der Betriebsgewerkschaft von Weichai Power sowie vom Gewerkschaftsbund der Provinz Shandong SPFTU unter Leitung von Herrn Feng, dem Vizevorsitzenden. Schon seit Jahren gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen der SPFTU und der IG Metall Bayern. Nach einer Besichtigung des Weichai-Motorenwerkes (der Konzern ist Chinas größter Hersteller von Dieselmotoren für LKWs, Baumaschinen und Schiffsdiesel u.a. in Lizenz von MAN) und der Ausstellungsräume betonten die Gewerkschaftsvertreter im anschließenden Gespräch die besondere Rolle von Weichai Power: Ende der 90er Jahre stand Weichai vor dem Bankrott, gilt aber heute nach erfolgreichen Reformen als Vorzeige-Staatsunternehmen.

Am nächsten Tag ging es nach der Besichtigung eines auf Kunsthandwerk spezialisierten Dorfes in der Umgebung von Weifang weiter mit dem Zug nach Peking. Dort ging die Studienreise mit dem Besuch der Verbotenen Stadt und der Großen Mauer zu Ende.

Übrigens: Im nächsten Jahr will die Kritische Akademie diese Studienreise wieder anbieten.

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