24.10.2014
Unterschätzte Ungleichheit

Die statistisch belegte Ungleichheit von Besitz und Einkommen in Deutschland ist bereits alarmierend genug. Wissenschaftlern zufolge könnte die Situation mitsamt ihrer Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft aber noch schlimmer sein als angenommen: Aufgrund mangelhafter Datenlage wird die Kluft quer durch die Gesellschaft womöglich noch unterschätzt.

Stetiges Wachstum: Entwicklung privater Nettovermögen in Deutschland (Grafik: Hans Böckler-Stiftung).

Wie die Hans Böckler-Stiftung mitteilt, sind insbesondere die Einkommen und Vermögen von Millionären und Milliardären in Deutschland schlecht erforscht und werden vermutlich eher unterschätzt: "Wie groß der Reichtum am oberen Ende der Verteilungsskala genau ist, lässt sich mangels verlässlicher Erhebungen kaum sagen." Sicher sind sich die Wissenschaftler jedoch, dass der der Abstand zwischen Arm und Reich insgesamt weiter wächst, was sich nicht nur auf das soziale Gefüge, sondern auch auf die Wirtschaft destabilisierend auswirkt.

Nachhaltigkeit Fehlanzeige ...

Diese destabilisierende Wirkung lässt sich volkswirtschaftlich fundiert begründen: "Einkommensschwache Haushalte und eine Mittelschicht mit stagnierenden Einkommen können nicht so viele Güter kaufen, wie für Vollbeschäftigung nötig wäre. Investitionen in neue Maschinen und Gebäude erscheinen deshalb nicht rentabel. So legen die Reichen ihr Geld eher an den Finanzmärkten an." Negativ hinzu kommt, dass untere und mittlere Einkommensklassen sich zunehmend verschulden. Beides bewerten die Forscher übereinstimmend als nicht nachhaltige Wirtschaftsmodelle.

... mit globalen Risiken

Diese fehlende Nachhaltigkeit und Ungleichheit betrachten viele namhafte Ökonomen als eine wesentliche Ursache für die Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008. Sie fordern daher die Politik auf, die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung genau zu beobachten und gegebenenfalls einzugreifen. Das ist allerdings auch laut Hans Böckler-Stiftung "leichter gesagt als getan" - weil eben für die oberen Besitzschichten kaum zuverlässige Daten verfügbar sind.

Einkommen in der Fläche anheben

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) weist trotz dieses Hintergrundes auf "gewichtige Indizien" dafür hin, dass die wirtschaftliche Ungleichheit in Deutschland meist unterschätzt wird. Die Forscher gehen davon aus, dass die betreffenden Nettovermögen in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts "weitaus schneller" gewachsen sind als der Durchschnitt. Einer der Hebel, mit denen man zumindest ein Stück weit ansetzen kann ist die Erhöhung tariflicher Einkommen mit entsprechender Flächenwirkung - es ist kein Zufall, dass Bundesbank und Europäische Zentralbank zum Entsetzen der Arbeitgeber sich unisono für kräftige Tarifforderungen ausgesprochen haben.

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