02.07.2014
50 Jahre Stiftung zur Förderung von Bildung, Erholung und Gesundheitshilfe

(Pressedienst 14/2014: Erstmalige Verleihung des „Karl Buschmann-Preises der Kritischen Akademie in Inzell) Mit einem Festakt in Inzell feiert die Stiftung zur Förderung von Bildung, Erholung und Gesundheitshilfe für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am 2. Juli 2014 ihr 50-jähriges Bestehen.

Seit 1964 organisiert die gemeinnützige Einrichtung Bildungsangebote für Beschäftigte der Miederindustrie. Grundlage dafür ist ein 1963 vereinbarter Tarifvertrag für die Unterwäschebranche, mit dem sich die Unternehmen zu einer jährlichen Abgabe von zunächst 2,5 % der Lohn- und Gehaltssumme verpflichteten, mit denen u.a. die Qualifizierungsangebote finanziert werden. Der Tarifvertrag besteht bis heute, bei einem Beitrag von 3,4 % der Entgeltsumme. Auf der Grundlage der Tarifvereinbarung konnte 1977 die Kritische Akademie errichtet werden. Ihre Bildungsangebote werden heute von rund einem Drittel der Beschäftigten der deutschen Miederindustrie in Anspruch genommen. Eine Weiterbildungsquote von jährlich 33 % der Beschäftigten ist ein Spitzenwert in der deutschen Wirtschaft. Die Stiftung hat seit einigen Jahren ihren Aufgabenbereich über die Miederindustrie hinaus erweitert und bietet Qualifizierungsangebote für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sowie Betriebsräte aus vielen Branchen an.

Die Produktion der deutschen Textil- und Bekleidungswirtschaft wurde zum Großteil in asiatische Länder verlagert. Das haben Stiftung und Kritische Akademie zum Anlass genommen, einen Preis für Projekte auszuloben, welche die Arbeitsbedingungen in den sogenannten Billiglohnländern verbessern helfen. Der Preis ist nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Gewerkschaft Textil-Bekleidung, Karl Buschmann, benannt und mit 10.000 Euro dotiert. Karl Buschmann ((1914 – 1988) hat die Textil-Bekleidungs-Gewerkschaft von 1964 bis 1978 geleitet und hat, bevor die breite Diskussion über die Auswirkungen der Globalisierung einsetzte, bereits in den 70-er Jahren deren Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen und Sozialstandards weltweit problematisiert. Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung wurde wegen der Verlagerung von hunderttausenden von Arbeitsplätzen selbst ein Opfer der Globalisierung und ging 1998 in der IG Metall auf.

Erster Preisträger ist das Kinderhilfswerk terre des hommes. Mit der Auszeichnung wird das jahrzehntelange Engagement von terre des hommes gegen Ausbeutung von Kindern und jungen Frauen, insbesondere in der Textilbranche, gewürdigt. Das Preisgeld soll für das Projekt "Sumangali – Sklaven für die Textilindustrie" in südindischen Tamil Nadu verwendet werden. Wie Martin Gürtler, Vorsitzender des Präsidiums von terre des hommes bei der Preisverleihung erläuterte, arbeiten in der Industriestadt Tirupur und Umgebung 500.000 Menschen in der Textilindustrie. 120.000 Mädchen und junge Frauen werden im sogenannten Sumangali-System wie Sklavinnen gehalten, angeblich zu ihrer Ausbildung. Die Mädchen in den Spinnereien bekommen etwa 20 Euro im Monat und das Versprechen auf einen Bonus von etwa 500 Euro nach Ablauf von drei Jahren. Sie arbeiten zwölf Stunden am Tag, werden auf dem Fabrikgelände in überfüllten Hütten festgehalten und sind Beschimpfungen, Schlägen und sexueller Belästigung durch die Aufseher ausgesetzt. Immer wieder versuchen Mädchen, aus Fabriken zu fliehen. Der offizielle Ausbildungsstatus befreit die Firmen von der Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns. Das Sumangali-System zielt auf die Rekrutierung junger Mädchen aus armen Familien, die den versprochenen Bonus für den Brautpreis nutzen wollen. Mittelsmänner machen den Familien falsche Versprechungen.

Im Oktober 2011 hat terre des hommes ein Hilfsprogramm für 10.000 Mädchen und junge Frauen gestartet. Bis heute konnten wir bereits 5.000 Mädchen und junge Frauen aus dem Sumangali-System befreien: Sie gehen heute wieder zur Schule oder konnten eine Berufsausbildung anfangen. (Siehe auch: http://www.tdh.de/was-wir-tun/themen-a-z/sumangali-sklaven-fuer-die-textilindustrie/projekte.html)

Peter Donath, Vorsitzender der Stiftung, unterstrich bei der Preisvergabe, dass terre des hommes konkrete Hilfe leistet und gleichzeitig aber auch gegen die Bedingungen kämpft, welche diese grausame Ausbeutung zulassen. Die Regierung von Tamil Nadu darf sich nicht von ausbeuterischen Textilunternehmern korrumpieren lassen. Gemeinsam sollen Regierung, Gewerkschaften und NGOs sofortige Lösungen erarbeiten und umsetzen. Die praktische Gefangennahme von jungen Mädchen muss umgehend beendet werden, Mindestlöhne und Arbeitsschutz sind zu gewährleisten.

Der bekannte Inzeller Künstler Franz Xaver Angerer hat für die Preisverleihung eine eigene Skulptur geschaffen, die Hoffnung auf Freiheit symbolisieren soll. Sie wird den jeweiligen Preisträgern übergeben werden.

Jörg Hofmann, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, forderte bei der Preisverleihung mehr Verantwortungsübernahme der deutschen und europäischen Textil-Bekleidungswirtschaft für die Arbeits- und Produktionsbedingungen insbesondere in den asiatischen Produktionsländern. Es sei unerträglich, dass führende Handels- und Bekleidungsunternehmen brutalste Arbeitsbedingungen, wie Zwangs- und Kinderarbeit zumindest billigend in Kauf nähmen. "Sklavenarbeit, Kinderarbeit, mangelnder Arbeitsschutz und rigorose Ausbeutung von Menschen dürfen nicht als Wettbewerbsvorteile genutzt werden. Weltweiter freier Handel braucht verbindliche Sozialstandards. Weil freiwillige Selbstverpflichtungen der Modekonzerne bisher wenig bewirkt haben, ist da die Politik gefordert“, betonte Hofmann.

» drucken


Mehr Wert mit Tarif