07.02.2014
Mindestlohn: positive Wirkung

Das beharrliche Kämpfen für einen Mindestlohn schlägt sich nicht nur im Koalitionsvertrag nieder, sondern schon jetzt auch in der Tariflandschaft. Tarifliche Vergütungsgruppen mit Stundenlöhnen unter 8,50 Euro gehen seit einigen Jahren zunehmend zurück - ein Grund mehr, den Begehrlichkeiten nach einem Höchstmaß an Ausnahmen nicht nachzugeben.

(Tarifliche Vergütungsgruppen unter 8,50 € in Niedriglohnbranchen, Anteil in Prozent. Quelle: WSI-Tarifarchiv, Stand XII.2013)

Tariflicher Niedriglohn auf dem Rückzug

Wissenschaftler des Tarifarchivs im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung haben rund 4.750 Vergütungsgruppen in 40 Branchen und Wirtschaftszweigen ausgewertet und sind zu einem begrüßenswerten Ergebnis gekommen: Machten Tarifgruppen mit einem niederigeren Stundelohn im März 2010 noch 16 Prozent aus, gingen sie bis Dezember 2013 auf 10 Prozent zurück. Die Experten des Tarifarchivs fassen zusammen: "Diese positive Entwicklung zeigt, dass die Gewerkschaften die Situation im Niedriglohnsektor aus eigener Kraft deutlich verbessert haben. Dabei hat sicherlich geholfen, dass der von den Gewerkschaften seit langem geforderte und nun endlich beschlossene allgemeine gesetzliche Mindestlohn den Druck auf die Arbeitgeberverbände erhöht hat."

Bewegung bei den schwarzen Schafen

Nach Einschätzung der Wissenschaftler wird dieser Trend sich bis auf weiteres fortsetzen. Für die Arbeitgeber wird es durch die Einführung des Mindestlohns demnach uninteressant, Dumping-Löhne durch die Verweigerung von Tarifverhandlungen zu durchzusetzen. Der Leiter des WSI erkennt in diesem Zusammenhang eine eindeutige Entwicklung zu Tarifabschlüssen in Branchen, in denen zuvor jahrelang Stillstand herrschte: "Manchmal fehlten sogar Arbeitgeberverbände, mit denen Gewerkschaften überhaupt hätten verhandeln können." Beispiele dafür sind Vereinbarungen über Branchenmindestlöhne etwa im Friseurgewerbe und der Fleischindustrie.

Keine Unterlaufen durch Ausnahmeflut

Kurz zuvor hatte das Tarifarchiv zum selben Themenbereich untersucht, wie sich die zahlreichen Wünsche nach Ausnahmen vom Mindestlohn im Falle der Umsetzung auswirken würden. Von insgesamt rund fünf Millionen Menschen, die eigentlich vom Mindestlohn profitieren sollten, würden demnach etwa zwei Millionen - Minijobber, Rentner, Schüler, Studenten und hinzuverdienende Arbeitslose - leer ausgehen. Das aber würde nicht nur den ursprünglichen Sinn des Mindestlohns aushöhlen und einen neuen Niedriglohnsektor schaffen, sondern obendrein auch noch das Risiko einer Ausweichbewegung der Arbeitgeber von Beschäftigte mit zu solchen ohne Mindestlohn erhöhen.


» Eine ausführliche Darstellung der Untersuchung und die Analyse der tariflichen Niedriglohngruppen findet man auf den Seiten der Hans-Böckler-Stiftung.

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