19.09.2012
Arm und reich: Die Kluft wächst

"Armer Staat - reiche Bonzen" - so überschreibt "tagesschau.de" eine Meldung zum aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Was pauschalisierend und polemisch klingt, hat einen handfesten Hintergrund: Der Bericht konstatiert eine "sehr ungleiche Verteilung der Privatvermögen" sowie Unterschiede in der Einkommensentwicklung mit negativen Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Ungleiche Verteilung

Der Entwurf aus dem zuständigen Bundesarbeitsministerium wird derzeit mit den anderen Ressorts abgestimmt. An grundlegenden Erkenntnissen jedoch dürfte sich kaum noch wesentliches ändern: Zwar steigt das Privatvermögen der Deutschen trotz Krise weiter kräftig an, es konzentriert sich aber auf die Konten der reichsten zehn Prozent.

Das Nachsehen haben die untere Hälfte der Bevölkerung und die öffentlichen Kassen. Hat sich nämlich das Privatvermögen seit 1992 von knapp 4,6 auf rund 10 Billionen Euro mehr als verdoppelt, schrumpfte im selben Zeitraum das Staatsvermögen um über 800 Milliarden Euro. Einer Gründe dürfte in der Steuer- und Subventionspolitik zu finden sein, ein anderer in den Maßnahmen zu Krisenbewältigung. Der Bericht stellt in diesem Zusammenhang eine "Verschiebung privater Forderungen und Verbindlichkeiten in staatliche Bilanzen" fest.

Auch der Anstieg des privaten Nettovermögens hat entscheidende Schönheitsfehler, darunter die "sehr ungleiche Verteilung". Die reichsten zehn Prozent der Privathaushalte nämlich verfügen über die Hälfte des gesamten Nettovermögens, Tendenz steigend: die untere Hälfte kommt gerade einmal auf gut ein Prozent des Gesamtvermögens.

Wachsende Unterschiede verletzen Gerechtigkeitsempfinden ...

Ebenso starke Unterschiede sind bei der Lohnentwicklung zu verbuchen. Während die Einkommen im oberen Bereich steigen, müssen die unteren 40 Prozent aller in Vollzeit Beschäftigten nach Berücksichtigung der Inflation Nettoverluste hinnehmen. Das verursacht offenbar selbst dem Ministerium Bauchschmerzen: "Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung."

... und sozialen Zusammenhalt

Ungewohnt offen bewertet der Bericht auch die Konsequenzen des wachsenden Niedriglohnsektors, vor denen die Gewerkschaften schon so lange wie eindringlich warnen. Zwar gehen nach Meinung der Autoren atypische Beschäftigungsverhältnisse nicht auf Kosten der Regulären, aber: "Stundenlöhne, die bei Vollzeit zur Sicherung des Lebensunterhalts eines Alleinstehenden nicht ausreichen, verschärfen Armutsrisiken und schwächen den sozialen Zusammenhalt."

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