07.09.2012
Dunkelziffer der Armut

Seit dem Jahr 2003 gibt es die sogenannte "Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung". Sie soll unter anderem sicherstellen, das Ältere nicht aus Unkenntnis oder Schamgefühl auf ihnen zustehende Sozialleistungen verzichten. Trotzdem ist verdeckte Armut noch weit verbreitet - ein Grund mehr, im Kampf gegen die Altersarmut nicht nachzulassen.

(Grafik zum Vergrößern anklicken) © Hans Böckler-Stiftung 2012

Mit der Einführung der Grundsicherung im Alter sollte eigentlich auch die Armut unter Menschen mit niedriger beziehungsweise nicht ausreichender Rente bekämpft werden. Wie die Hans Böckler-Stiftung berichtet, hat die Verteilungsforscherin Irene Becker untersucht, wie sich die verdeckte Armut unter Älteren seitdem entwickelt hat und zieht ein negatives Fazit: Dieses Ziel sei "offenbar nicht erreicht worden."

Außerhalb der Statistiken

Das Problem bei der Analyse liegt in der Natur der Sache: Menschen, die lieber harte Entbehrungen als den Gang zum Sozialamt hinnehmen oder ihre Ansprüche gar nicht kennen, erscheinen in keiner Statistik. Das macht es Ämtern, Behörden und Politik leicht, das Problem zu ignorieren; Sozialwissenschaftler hingegen versuchen gerade deswegen, die sogenannte "Dunkelziffer der Armut" zu ermitteln. Die Ergebnisse sind meist wenig belastbar und variieren, dienen jedoch zumindest als aussagekräftiger Indikator: Manche Schätzungen gehen davon aus, dass möglicherweise auf jeden Empfänger von Sozialhilfe ein Berechtigter kommen könnte, der seine Ansprüche nicht wahrnimmt.

68 Prozent verzichten auf Ansprüche

Becker hat  Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2007 ausgewertet. Das Ergebnis ist alarmierend: Von damals gut einer Million über 65jähriger mit Anspruch auf Grundsicherung bezogen nur 340.000 tatsächlich Leistungen - 68 Prozent verzichteten also, aus welchen Gründen auch immer. Sie ist überzeugt, dass dies der Realität weitgehend entspricht und eventuelle Verzerrungen die verdeckte Armut eher unterschätzen, weil möglicherweise Menschen, ihre Armut verstecken wollen, auch unterdurchschnittlich zur Teilnahme an Befragungen bereit sind.

Kein Geld für eine vernünftige Mahlzeit

Nach den Daten des SOEP ist bei den meisten Betroffenen zwar eine Rente vorhanden, reicht aber nicht für das Existenzminimum. Ein drastisches Beispiel: Acht Prozent der verdeckt armen Älteren können sich nicht einmal alle zwei Tage eine warme Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder Geflügel leisten.

Becker fordert angesichts dieser Situation, das Gesetz zur Grundsicherung im Alter nochmals zu überarbeiten. Die Rentenversicherer etwa sollten sich besser um Rentner mit geringen Einkünften kümmern und sie beim Antrag auf Grundsicherung unterstützen. Außerdem müssten die im Vergleich zum Arbeitslosengeld II (Hartz IV) strengen Vorschriften zur Vermögensanrechnung gelockert werden.

Stoff für die Rentendiskussion

Beckers Untersuchung verleiht der Warnung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zusätzliches Gewicht, angesichts des aktuellen Tauziehens in der Koalition um eine Zuschussrente den Kampf gegen die drohende Altersarmut zu vernachlässigen. Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach betonte am Donnerstag in Berlin: "Die Einsicht, dass die geplante Zuschussrente in dieser Form nichts taugt, darf nicht dazu führen, dass die Bundesregierung den Kampf gegen Altersarmut aufgibt. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn die Koalition nach dem zähen Rentendialog am Ende nichts auf die Beine bekommt." Im selben Zusammenhang bekräftigte sie die Forderung, die von der Bundesregierung beschlossene Beitragssenkung auszusetzen und mit den Überschüssen der Rentenkassen eine Demografie-Reserve aufzubauen.

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