31.05.2012
Tarifflucht über Nacht

Es ist leider ein häufig wiederkehrendes Phänomen: Manche Unternehmen nutzen einen Tarifabschluss als meistens reichlich fadenscheinigen Vorwand, um sich aus dem Arbeitgeberverband und damit aus der Tarifbindung zu verabschieden. Aktuelles Beispiel: Waldrich in Coburg.

Waldrich in Coburg.

Warnstreik am 3. Mai mit Norbert Blüm.

Austritt über Nacht

Waldrich produziert in Coburg Werkzeugmaschinen und ist seit 2005 Teil der chinesischen Beijing No. 1 Machine Tool Plant-Gruppe. Zeitnah zur Übernahme des Metall- und Elektrotarifabschlusses in Bayern am 22. Mai gab das Unternehmen praktisch über Nacht seinen Austritt aus dem Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (vbm) bekannt. Eine Begründung dieses gravierenden Schrittes über den vagen Bezug auf den Tarifabschluss hinaus blieb man schuldig.

Belegschaft "stinksauer"

Die rund 800 Beschäftigten sind, so der Betriebsratsvorsitzende Hardy Müller, "stinksauer" - verständlich, zumal im Vorfeld keine Gespräche mit ihren Vertretern stattfanden. Dass sie und die IG Metall bei ernsthaften Problemen im Betrieb grundsätzlich kompromissbereit sind, zeigt nicht zuletzt ein seit mehreren Jahren laufender Ergänzungstarifvertrag; derzeit zeichnen sich ohnehin keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten ab.

Klarer Vertragsbruch

Ganz so einfach, wie sich das die Geschäftsführung wohl vorstellt, wird sich Waldrich allerdings nicht aus der Tarifbindung stehlen können. Aus juristischer Perspektive führt der Ergänzungstarifvertrag unter anderem ausdrücklich auf, dass Waldrich während seiner Laufzeit bis Ende 2013 die Tarifbindung durch Mitgliedschaft im vbm sicherstellt. Aus Sicht der IG Metall ist der Austritt daher ein klarer Vertragsbruch, den man nicht ohne weiteres hinnehmen wird. Zu den möglichen Instrumenten gehört auch ein ausgewachsener Arbeitskampf. Die Belegschaft ist gut organisiert und hat ihre Konfliktfähigkeit bereits während der Tarifrunde nachdrücklich bewiesen.

Betriebsversammlung und Verhandlung

Auf einer Betriebsversammlung am 30. Mai informierten Betriebsrat und IG Metall die Belegschaft über den aktuellen Stand der Dinge. Die ebenfalls vertretene Geschäftsführung äußerte, sie wünsche sich eine friedliche Lösung des Konflikts. Die Versammlung wurde nur unterbrochen und wird kommenden Montag am frühen Nachmittag fortgesetzt. Bis dahin nämlich wird sich zeigen, ob der fromme Wunsch sich erfüllt und aus dem riskanten Zündeln der Arbeitgeberseite kein lichterlohes Feuer im Betrieb wird: Am Freitag treffen sich beide Seiten, um über eine Einigung zu verhandeln. Aus Sicht der IG Metall und der Interessenvertretung ist das Ziel eindeutig definiert: Zurück in die Tarifbindung.

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