09.01.2012
Mehr Energie für die Wende

... fordert Siemens-CEO Peter Löscher. Nach der durch die Katastrophe von Fukushima beispiellos beschleunigten Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie vermisst er "eine klar beschriebene Strategie mit enger Taktung und Kontrolle" zum Erreichen der ehrgeizigen Ziele - mehr Disziplin, Planung und Koordination.

Hocheffiziente Gasturbine von Siemens.

Eindeutige Ziele ...

In einem Gastbeitrag für die "Welt" (3.1.2012) spricht Löscher vom "beachtlichen Tempo" der Neuorientierung von Deutschlands Energiepolitik: "Nach einigen Wochen 'Moratorium' wurde die Energiewende eingeläutet." Ihre Ziele sind relativ klar umrissen und schlagen sich primär im stufenweisen Anstieg des Anteils erneuerbarer Energien an der deutschen Stromversorgung nieder, der bis zum Jahr 2050 die 80 Prozent-Marke erreichen soll.

... aber unklarer Weg

Komplizierter wird es bei den Bedingungen, die für diese Entwicklung gelten sollen. Die Strompreise sollen mit Blick auf Industrie und Privathaushalte nicht wesentlich steigen, Klimaschutz- und CO2-Ziele beibehalten werden. Die technisch bedingte Herausforderung liegt auf der Hand: "Das erfordert erhebliche Investitionen in vergleichsweise kurzer Zeit einschließlich eines umfassenden Netzausbaus und zusätzlicher Kraftwerkskapazitäten auf konventioneller Basis. Denn Wind- und Solarkraftwerke liefern nicht immer Strom, und eine Speicherung ist technisch und wirtschaftlich bislang nicht in großem Umfang realisierbar."

Koordination noch nicht erkennbar

Löscher schätzt diese Zielsetzung als "anspruchsvoll und eine Kraftanstrengung" ein, die "eine klar beschriebene Strategie mit enger Taktung und Kontrolle" unabdingbar macht. Bislang ist in dieser Hinsicht offenbar noch wenig geschehen: "Die ehrliche Antwort darauf ist, dass dies noch nicht klar erkennbar ist." Am Beispiel von Überschneidungen bei den Maßnahmen zweier Bundesministerien macht der Siemens-Chef dies gewohnt diplomatisch deutlich: "Der Eindruck, dass enge Koordination gerade bei der weit gestreuten Verantwortung unterschiedlicher Ministerien und zahlreicher nachgeordneter Behörden anders aussehen müsste, ist angesichts solcher Parallelveranstaltungen unvermeidbar."

Was sich schon rein administrativ kompliziert gestaltet, wird durch rechtliche und planerische Aspekte zusätzlich erschwert; die verbreitete Kritik am deutschen Regeldickicht: "Bis ein Offshore-Windpark gebaut und die Netzanbindung realisiert ist, sind in Deutschland bis zu 40 Einzelgenehmigungsverfahren bei den unterschiedlichsten Behörden zu durchlaufen [...]. Der Zeitbedarf übersteigt die angestrebten Fristen für die Realisierung solcher Projekte bei weitem." Unbeantwortet ist bislang auch die Frage, wie der Wegfall der Atomkraft bei der Grundversorgung kompensiert werden soll. Wo erneuerbare Energieen nicht ausreichen, bleiben nur zwei Optionen - die Nutzung Co2-intensiver Kohlekraftwerke, oder aber der Bau von wesentlich moderneren Gaskraftwerken.

"Die Wende liegt noch vor uns"

Natürlich sieht sich Siemens bei der Suche nach Antworten auf die absehbaren Probleme bei Stromzeugung und -transport  hervorragend positioniert. Löscher hat auch Empfehlungen parat, um entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen - von der Ernennung eines Koordinators der Bundesregierung über beschleunigte Genehmigungsprozesse bis zu "mehr Denken und Handeln in größeren europäischen Zusammenhängen". Sein Fazit: "Die Wende tatsächlich herbeizuführen, liegt noch vor uns. Dafür bedarf es jetzt mehr an Momentum."

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