06.12.2011
Alarmierender Abstand

Die OECD weist auf eine beunruhigende Entwicklung hin: In ihren Mitgliedsländern steigt die Einkommensungleichheit kontinuierlich an. Besonders stark betroffen ist Deutschland, das seit 1990 durch soziale Veränderungen und die Ausbreitung von Niedriglöhnen aus der Gruppe relativ ausgeglichener Staaten ins Mittelfeld abgerutscht ist.

Wachstum kommt nicht allen zugute

"Divided we stand" titelt die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) eine am Montag veröffentlichte Studie zur Entwicklung der Einkommensunterschiede in ihren weltweit 34 Mitgliedsländern. Die im konservativen Lager gern genutzte Behauptung, Wirtschaftswachstum komme letztlich immer allen Bevölkerungsgruppen zugute, wird durch die Fakten eindrucksvoll widerlegt. Die Auswirkungen beziehen sich nicht nur auf die Betroffenen selbst, warnt OECD-Generalsekretär Angel Gurría: "Zunehmende Ungleichheit schwächt die Wirtschaftskraft eines Landes, sie gefährdet den sozialen Zusammenhalt und schafft politische Instabilität." Er fordert eine umfassende Strategie für sozialverträgliches Wachstum, um den Trend aufzuhalten.

Deutschland besonders betroffen

OECD-weit stiegen die verfügbaren Haushaltseinkommen in den zwei  Jahrzehnten vor der Finanz- und Wirtschaftskrise zwar um 1,7 Prozent jährlich, profitieren konnten aber dabei vor allem Gutverdienerhaushalte. Das gilt besonders für Deutschland: Vom durchschnittlichen Anstieg um 0,9 Prozent jährlich kommen nur 0,1 Prozent in der untersten Einkommensklasse an, 1,6 Prozent hingegen bei den zehn Prozent der am besten verdienenden Haushalte. In konkreten Zahlen ausgedrückt hatten die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher im Jahr 2008 mit durchschnittlich 57.300 Euro verfügbarem Einkommen rund achtmal soviel wie die untersten zehn Prozent mit 7.400 Euro.

Allen Abwiegelungsversuchen zum Trotz weitet sich also die Kluft zwischen arm und reich in Deutschland weit stärker aus als in den meisten anderen Industriestaaten; auch sinkende Arbeitslosenzahlen können daran nichts ändern. Die Ursache liegt der Studie zufolge in der Ausbreitung des Niedriglohnsektors. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigung zum Beispiel hat sich seit 1984 in Deutschland von elf auf 22 Prozent verdoppelt.

Der Chefarzt heiratet keine Krankenschwester mehr

Zu diesen Trends in der Beschäftigungsstruktur kommen laut OECD soziale Veränderungen, die den Abstand zwischen reich und arm weiter vergrößern. So nimmt etwa die Anzahl Alleinziehender und Singles mit knappen Einkommen zu. Gleichzeitig werden die Grenzen zwischen den Einkommensgruppen undurchlässiger; immer mehr Paare stammen aus der gleichen Einkommensgruppe, so dass sich ihre Verdienste potenzieren, oder, wie es die OECD ausdrückt: Das traditionelle Modell "Chefarzt heiratet Krankenschwester" ist auf dem Rückzug.

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