23.09.2010
Neue Formen der Arbeitsbelastung

Entgegen dem allgemeinen Trend rückläufiger Krankenstände legen psychische Erkrankungen seit Jahren kontinuierlich zu und sind mittlerweile der Hauptgrund für Krankenhausaufenthalte. Wissenschaftler identifizieren die gewandelte Arbeitswelt als Ursache und fordern ein neues Gesundheitsmanagement.

Wie die Hans Böckler-Stiftung in ihrem aktuellen "Impuls" mitteilt, verursachen psychische Krankheiten laut Barmer GEK 17 Prozent aller Kliniktage - 1990 waren es noch acht. Das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung hat festgestellt, dass diese Zunahme vor allem auf den Wandel der Arbeitswelt zurückzuführen ist. Stress und Überforderung verbreiten sich, weil die Unternehmen mit Zielvorgaben und ähnliche Instrumenten ihre Leistungspolitik radikalisieren. Die Folge sind ihrer Auffassung nach veränderte Anforderungen: "Das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis wird umgedreht: Am Anfang des Prozesses stehen definierte Ertrags- oder Marktziele, die dann kaskadenförmig über die einzelnen Organisationseinheiten runter gebrochen werden".

Anhaltende strukturelle Veränderungen

Verstärkend wirken anhaltende strukturelle Veränderungen in den Unternehmen. Für viele Beschäftigte gehören "langjährige und tief greifende Umbauten im Unternehmen ohne Aussicht auf ein gutes Ende" zum Alltag, warnen Forscher. Als Beispiel wird eine untersuchte IT-Abteilung genannt, in der die nach einer Entlassungswelle verkleinerte Belegschaft die gleichen Aufgaben wie bewältigen musste. Was das für die Beschäftigten bedeutet, liegt auf der Hand: Sie "strengen sich auf der einen Seite an, um die aktuelle Arbeit befriedigend zu gestalten; zugleich müssten sie eigentlich auch darauf achten, ihre Arbeitskraft nicht zu verschleißen, um im Falle der Entlassung fit in den Arbeitsmarkt gehen zu können."

Die Verantwortung für solche Entwicklungen suchen die meisten Betroffenen weniger beim Betrieb, als bei sich selber: "Sich gesund, fit und leistungsfähig zu halten wird immer mehr zur Aufgabe individueller Selbstsorge der Beschäftigten." Häufig reagieren sie auf den steigenden Leistungsdruck, indem sie selbst ihre Gesundheit gefährden - mehr Arbeit, weniger Pausen.

Typische Belastungsformen

In qualitativen Interviews mit Beschäftigten in Dienstleistungs- und Angestelltenberufen haben die Forscher sechs typische Belastungsformen identifiziert:

  • das Gefühl ständigen Ungenügens
  • Widersprüche zwischen Zielen und Aufgaben
  • Vorschriften konterkarieren die geforderte Eigeninitiative
  • Leistung und Erfolg entkoppeln sich
  • Leistung garantiert keine Beschäftigungssicherheit
  • ein ständiger Ausnahmezustand

Als Fazit empfehlen die Wissenschaftler, das betriebliche Gesundheitsmanagement der geänderten Arbeitswelt anzupassen. Der klassische Arbeitsschutz soll vor allem körperliche Krankheiten verhindern, versagt aber bei den offenbar wachsenden seelischen Belastungen. Ein neues Gesundheitsmanagement sollte nach Meinung der Experten daher drei wesentliche Aspekte berücksichtigen:

Öffentlichkeit schaffen: Die Widersprüche zwischen übertriebenen Erfolgszielen und der Gesundheit der Belegschaft offen legen.

Führungskräfte verstehen: Führungskräfte reichen meist vorgegebene Ziele weiter, ohne selbst den Leistungsdruck der Mitarbeiter zu mindern. Darum sollte auch ihre Belastungssituation zum Thema werden.

Mitsprache bei der Leistungspolitik: Betrieblicher Gesundheitsschutz muss systematisch mit der Leistungssteuerung verbunden werden, wozu unter anderem die Betriebsräte Kenntnisse der neuen Verfahren brauchen.

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