16.06.2010
"Große Panik in der Mittelschicht"

... überschrieb die "SZ" ihre Vorab-Zusammenfassung einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Das klingt vielleicht etwas dramatisch, aber in der Tat ist der Inhalt der Studie gerade in der Debatte um das Sparpaket explosiv. Der Graben zwischen reich und arm wird breiter, die Mitte dazwischen immer kleiner - und zwar keineswegs erst seit der Krise.

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Das renommierte, unabhängige Berliner DIW bestätigt mit der am Dienstag vorgestellten Studie die düstersten Befürchtungen vieler Kritiker der aktuellen Sparpläne, und ihre daraus abgeleitete Forderung: "Auch Menschen mit höherem Einkommen sollten zum Sparpaket beitragen."

Die Forderung erhält zusätzliches Gewicht durch die Tatsache, dass die dahinterstehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse keineswegs auf kurzfristigen Erhebungen etwa seit Krisenbeginn oder gar erst zur Spardiskussion basieren. Die verwendeten Daten entstammen dem 'Sozio-ökonomischen Panel', einer Langzeitbefragung von über 10.000 deutschen Privathaushalten. Sie erfasst Faktoren wie Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit, jährlich befragt TNS Infratest Sozialforschung über 20.000 Personen. Das besondere daran: Weil seit 1984 jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, lassen sich langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgen.

Wachsende Distanz zwischen Arm und Reich

Was dabei als Erkenntnis heraus kommt, bezeichnen die Forscher ohne Umschweife als besorgniserregend. Zentrales Ergebnis der neuen Studie zur Einkommensverteilungist die Feststellung:"Arm und Reich driften in Deutschland immer weiter auseinander." Dabei steigt nicht nur die Anzahl Ärmerer und Reicherer immer weiter, sondern die ärmeren Haushalte werden obendrein seit zehn Jahren immer ärmer. Dieser Trend verursacht, was nach dem US-Soziologen C. Wright Mills als "Statuspanik" bezeichnet wird - die soziale Verunsicherung der Mittelschicht. Das DIW warnt ausdrücklich: "Eine starke Mittelschicht ist aber wichtig für den Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität."

Die Mittelschicht bröckelt weg

Zählten nach den OECD-Einkommenskriterien vor zehn  Jahren noch 66 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht, sind es heute nur noch 60. Gleichzeitig wuchs die die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen, von 18 auf fast 22 Prozent. Damit nicht genug, sinkt auch noch das absolute Einkommen letzterer: "Verdiente ein Singlehaushalt der unteren Einkommensgruppe 2000 im Schnitt noch 680 Euro, waren es 2008 nur noch 645 Euro." Der Durchschnittsverdienst der höheren Einkommensgruppen hingegen ist 2.400 auf 2.700 Euro gestiegen, konstatiert das DIW und zieht das Fazit: "Der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößerte sich also erheblich."

Langfristiger, besorgniserregender Trend

Als Hauptursache für dieses Auseinanderdriften machen die Forscher die Entwicklung des Arbeitsmarkts aus. Weil bei rückläufigen Beschäftigtenzahlen die unteren Einkommensgruppen zunehmen, hat demnach die Krise im Jahr 2009 dank der relativen Beschäftigungsstabilität keine massiven Auswirkungen auf die Einkommensverteilung gehabt. Das aber ist kein Grund zur Entwarnung, denn bei steigenden Beschäftigtenzahlen wird das Anschwellen der unteren Einkommensgruppen nicht etwa umgekehrt, sondern nur gestoppt. Ein DIW-Forscher fasst zusammen: "Wir sehen hier einen langfristigen, relativ gleichmäßigen Trend. Und dieser Trend ist besorgniserregend."

Folgen für gesellschaftliche Stabilität

Ein wesentlicher Grund für diese Besorgnis sind die Folgen für die gesellschaftliche Stabilität insgesamt. Die zunehmende Polarisierung der Einkommen führe bei der schrumpfenden Mittelschicht zu wachsender Verunsicherung; dies werde dann problematisch, wenn auf der Suche nach den Schuldigen andere Bevölkerungsgruppen für den drohenden Statusverlust verantwortlich werden. Hinzu kommen andere Bereiche, beispielsweise in der Stadtentwicklung: "Mit einer steigenden Anzahl von Ärmeren wächst auch die Gefahr des Entstehens von Armenvierteln."

Sparpaket: unter Einkommen einseitig belastet

Das aktuelle Sparpaket der Bundesregierung ist vor diesem Hintergrund aus Sicht der DIW-Forscher klar zu einseitig, wenngleich sie es standesgemäß zurückhaltend formulieren: "Die bisher gemachten konkreten Vorschläge betreffen nur die unteren Einkommen. Der Anteil der Reichen aber steigt stetig und die Reicheren verdienen auch immer besser. Da stellt sich schon die Frage, ob diese Gruppe nicht auch einen Sparbeitrag leisten sollte."

Falsche Politik bringt soziales Gleichgewicht aus der Balance

Etwas weniger moderat drückt es der erste IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber aus, den die "SZ"zu den Ergebnissen der DIW-Studie befragte. Aus seiner Sicht zeigt sie deutlich, "wie die falsche Politik der vergangenen Jahren das soziale Gleichgewicht in Deutschland aus der Balance gebracht hat. Mit dem unsozialen Sparpaket wird den Menschen die Milliarden-Rechnung präsentiert, während die Verursacher Milliardengewinne in ihren Bilanzen ausweisen und die Spekulation munter weiter geht. [...] "Es muss Schluss sein mit dem Motto: Die Armen zahlen die Zeche, die Reichen bleiben ungeschoren."


Die Pressemitteilung des DIW sowie weiterführende Links zur Einkommensstudie finden Sie auf den Internetseiten des DIW.

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