Nach 10-stündigen Verhandlungen hat die IG Metall für die 85 000 Beschäftigten der westdeutschen Stahlindustrie vergangene Nacht in Ratingen ein Verhandlungsergebnis erzielt. Danach steigen die Löhne und Gehälter ab März um 5,2 Prozent. Für Februar ist eine Einmalzahlung von 200 Euro vorgesehen. Die Auszubildenden erhalten 70 Euro mehr.
"Die Fünf steht", sagte IG Metall-Verhandlungsführer Oliver Burkhard nach der zehnstündigen Verhandlung um 1 Uhr vor der Presse. Der Abschluss bedeute eine dauerhafte Teilhabe an der guten wirtschaftlichen Situation der Branche. Das Verhandlungsergebnis sei nur zustande gekommen, weil die Beschäftigten zu Urabstimmung und Streik bereit gewesen sind, betonte er.
Das bestätigte der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Helmut F. Koch. Man habe der Streikdrohung der IG Metall nachgegeben. Ein Arbeitskampf hätten "verheerende Auswirkungen" gehabt. Schon die Warnstreiks hätten die Unternehmen ‚‚getroffen’’. Die Gesamtlaufzeit von 14 Monaten mildere die hohe Zahl des Abschlusses aber etwas ab. Burkhard nannte er einen ‚‚starken Gegner’’.
Das ist es der höchste Abschluss in der Stahlindustrie seit 15 Jahren. Vereinbart wurde auch, dass die Verhandlungen über das neue, gemeinsame Entgeltsystem für Arbeiter und Angestellte - den Gemeinsamen Entgelt-Rahmentarifvertrag (GERT) - bis Ende Juni 2009 abgeschlossen werden. Dabei darf kein Beschäftigter Nachteile erleiden. Der geforderten Arbeitszeitverkürzung für Ältere haben sich die Arbeitgeber völlig verweigert. Oliver Burkhard: „Verantwortung für Menschen sieht anders aus. Unser Angebot, einen für die Beschäftigten wie die Betriebe wichtigen Schritt zu gehen, haben die Arbeitgeber ausgeschlagen. Das Thema Belastungsreduzierung für Ältere ist damit für uns nicht von der Tagesordnung.“
Der neue Vertrag soll bis Ende März 2009 gelten. Die Tarifkommission entscheidet am 25. Februar.
Die Verhandlungskommission hat der Tarifkommission einstimmig die Annahme des Verhandlungsergebnisses empfohlen (ohne Gegenstimmen und Enthaltungen). Die Tarifkommission berät das Ergebnis erstmals heute ab 14 Uhr in Hagen. Dann ist - wie angekündigt - Zeit für die Diskussion in den Betrieben. Das letzte Wort hat dann die Tarifkommission.
Massive Warnstreiks brachten Verhandlungserfolg
Noch am Verhandlungstag hatten über 4500 Stahlbeschäftigte bei betrieblichen Kundgebungen und vor dem Verhandlungshotel für zusätzlichen Druck auf die Arbeitgeber gesorgt. Insgesamt beteiligten sich über 39.000 Warnstreikende an den Aktionen seit dem Ende der Friedenspflicht am 1. Februar 2008.
Auch über 4.000 Warnstreikende im Tarifgebiet Stahl-Ost hatten sich zusätzlich an den Warnstreiks beteiligt. Für dieses Tarifgebiet folgt am Donnerstag, den 21.2.2008 die nächste Verhandlung.
Die IG Metall hatte mit einem unbefristeten Streik gedroht, falls am Mittwoch kein Ergebnis zustande gekommen wäre. Für den nordrhein-westfälische IG Metall- Bezirksleiter Oliver Burkhard war es die erste Tarifrunde als Bezirksleiter, er hatte erst im Dezember sein neues Amt angetreten.
„Dieses Ergebnis sichert den Beschäftigten eine dauerhafte Beteiligung an der guten Entwicklung der Branche", sagte der Erste Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber am Mittwoch in Frankfurt. Damit erfülle es das Ziel der IG Metall, mehr Gerechtigkeit bei den Entgelten in der Stahlbranche zu schaffen. Der gefundene Kompromiß stelle deshalb ein „gutes Ergebnis" dar.
Dieses Ergebnis sei jedoch nicht allein die Folge geschickter Verhandlungsführung, sagte Huber. Vielmehr hätten 39.000 warnstreikende Stahlbeschäftigte „die Entschlossenheit dokumentiert, die die Arbeitgeber benötigten, um kompromißbereit zu sein." Es sei deshalb auch ein „weithin sichtbares Signal in die bundesrepublikanische Gesellschaft, dass nur gut in Gewerkschaften organisierte Belegschaften ihre Interessen vertreten können."



