Thomas Kaeser ist hochrangiger Arbeitgeberfunktionär und Mitglied der Verhandlungskommission des VBM. Der Belegschaft seines eigenen Unternehmens KAESER KOMPRESSOREN in Coburg hat der VBM-Vorsitzende nun angeboten sich auch künftig an Tarifverträge halten zu wollen und Mitglied im VBM zu bleiben, wenn die Belegschaft dafür im Gegenzug sieben Wochen umsonst arbeitet.
Thomas Kaeser ist nicht nur Vorsitzender des VBM und der VBW (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft) in Oberfranken-West und Mitglied der Verhandlungskommission, sondern auch Geschäftsführer und Firmeninhaber von KAESER KOMPRESSOREN in Coburg, einer der weltweit führenden Anbieter von Kompressoren und Produkten der Drucklufttechnik mit weltweit mehr als 3 000 Mitarbeitern, davon ca. 1 500 in Coburg.
Die Firma Kaeser will expandieren und investieren. Dagegen wird kein vernünftiger Mensch etwas einwenden. Im Gegenteil: Wenn die Firmenleitung Geld in Innovationen und in den Ausbau des Unternehmens steckt, werden die Arbeitsplätze sicherer. Daran haben die Beschäftigten selbstverständlich das größte Interesse.
Das Geld für die Investitionen will sich das Unternehmen leihen. Das ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings geht die Unternehmensleitung nicht zur Bank, was eigentlich nahe liegend wäre. Kaeser geht einen ganz anderen Weg. Das Geld für den Ausbau der Firma sollen die Beschäftigten aufbringen. Die notwendigen Investitionen für die nächsten fünf Jahre, also bis 2011, beziffert die Firma auf 150 Millionen Euro.
Da aber die Kaeser-Beschäftigten diese große Summe schwerlich vorstrecken können (und vermutlich auch nicht wollen), versucht die Geschäftsführung, anders an das Geld zu kommen. Die Kolleginnen und Kollegen sollen keinen Barkredit gewähren, sondern zusätzliche und unbezahlte Arbeitszeit spendieren.
Wenn die mehr als 1 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis zu 250 Stunden im Jahr ohne Entlohnung arbeiten würden, so der Kaeser-Plan, dann kämen 12 Millionen Euro pro Jahr zusammen. Das sind schon mal 60 Millionen Euro des auf 150 Millionen veranschlagten Investitionsvolumens. Weitere sechs Millionen Euro pro Jahr will die Firma durch Prozessoptimierung einsparen. Das macht noch mal 30 Millionen in fünf Jahren. 90 von 150 Millionen kommen so zusammen.
Die Firmenleitung bezeichnet diese Summe als »erforderliche Kostenentlastung «. Das ist eine sehr neutrale Umschreibung für die Tatsache, dass die Firmenleitung etwas geschenkt haben will.
Die maximal 250 Gratis-Arbeitsstunden pro Jahr sind mehr als sieben Arbeitswochen, eine Mehrarbeitszeit also, die sogar den Jahresurlaub übertrifft. Und unter Prozessoptimierung – das ist ein Lieblingswort aller aufstrebenden Betriebswirtschaftsstudenten – ist in erster Linie zu verstehen: Arbeitsverdichtung und größere Arbeitshetze.
Natürlich bietet die Unternehmensleitung den Beschäftigten im Gegenzug auch etwas an. Zum Beispiel: Den Erhalt aller Tarifleistungen für alle Mitarbeiter. An diese Leistungen ist die Firma jedoch sowieso durch Vertrag gebunden. Eine weitere mögliche Gegenleistung: Die Firma verbleibt im Arbeitgeberverband VBM und bleibt bei der 35-Stunden-Woche. Das kann man natürlich leicht machen, wenn man bis zu sieben Wochen Gratisarbeit pro Jahr fordert. In früheren Jahrhunderten nannte man diese unbezahlte Arbeit Frondienst.
Auf den Punkt gebracht: Die Firmenleitung bietet im Gegenzug nichts an. Außer, dass man den Tarifvertrag einhalten will. Für einen hochrangigen Arbeitgeberverbands- Funktionär ist das ja wohl eine Selbstverständlichkeit.
Haben will die Firma, ebenfalls auf den Punkt gebracht: Pauschal über 4000 Euro von jedem Beschäftigten im Jahr – für die Firma ein Mikrokredit, für die Beschäftigten ein ganz schöner Batzen Geld. Oder anders ausgedrückt: Die Entlohnung würde (fiktiv) um gut 14 Prozent sinken, weil ja sieben Wochen Arbeitszeit gratis sind.



