Unter den Beschäftigten von Siemens VDO macht sich standortübergeifend Verärgerung breit. Sie sehen sich einem Wechselbad zum Teil widersprüchlicher Nachrichten aus den Medien ausgesetzt, die sie und ihre Zukunft unmittelbar betreffen. Siemens aber hält sich weiter ziemlich bedeckt und klagt lieber über den "Vertrauensbruch" der Arbeitnehmerseite.
Parallel zum bayerischen IG Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer fordern auch Betriebsräte und regionale IG Metall-Vertreter Siemens auf, endlich seine Pläne auf den Tisch zu legen.
Beunruhigendes Informationsmischmasch
Aus meist unbekannten "gut informierten Kreisen" dringen wechselnde Details an die Öffentlichkeit: Da heißt es, Siemens wolle die Sparte lieber verkaufen als an die Börse bringen, dann wieder will man angeblich die Marge erhöhen, um den Börsenwert zu steigern, gleichzeitig wird ausgiebig kalkuliert, um welche Summe ein möglicher Kaufpreis wohl über dem Börsenwert liegen könnte; zu Wochenbeginn schließlich berichtet die Financial Times Deutschland, Siemens habe potenzielle Kaufinteressenten, unter ihnen außer Continental auch Finanzinvestoren, zur Abgabe konkreter Angebote aufgefordert.
"Horrorszenario" für mehrere Standorte
Wirklich fest steht derzeit wohl nur, dass es einschneidende und umfangreiche Änderungen geben wird. Vom Verkauf des Würzburger Werkes an die Firma Brose sowie umfangreichen Reduktionen beziehungsweise sogar Teilverlagerungen und Schließungen der Standorte Karben und Stollberg wird gesprochen; für Wetzlar ist vom Einstellen der Produktion die Rede. Da ist es nur zu verständlich, dass die Betriebsräte vor Ort im Rahmen von Beschäftigteninformationen am vergangenen Freitag offen von einem "Horrorszenario" sprachen, zumal auch für die anderen Standorte alles andere als Klarheit herrscht: Käme beispielsweise Continental als Käufer zum Zug, scheinen Kürzungen im Kielwasser von Synergieeffekten unvermeidbar; erhielte hingegen ein Investor den Zuschlag, ist ein rapides Ansteigen des Profitdrucks nicht auszuschließen.
Ärger und Protest bei den Arbeitnehmern
Siemens hält sich mit klaren Aussagen zu den unterschiedlichen Szenarien zurück: Man stelle "Überlegungen zur langfristigen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit" an, so das magere Statement, begleitet von Entrüstung darüber, dass etliche Arbeitnehmervertreter mittlerweile über ihre Befürchtungen mit der Presse sprechen.
Das allerdings ist wohl kaum mehr zu verhindern - wenn Siemens sich auf Rätselraten und Versteckspielen beschränkt, kann man schwerlich erwarten, dass die Betroffenen brav und schweigsam abwarten. Daraufhin von einem "Vertrauensbruch" und daraus resultierender Verunsicherung der Beschäftigten zu sprechen, wirkt ausgesprochen scheinheilig - die Verunsicherung rührt von anderer Stelle.
Aktionen am 25. April
Etwaige Neuigkeiten konkreter Art sind nun frühestens ab dem 25. April zu erwarten, wenn sich der Aufsichtsrat das nächste Mal trifft. Belegschaften, Betriebsräte und IG Metall werden diesen Anlass nutzen, um mit betrieblichen Protestaktionen auf die schwierige Lage aufmerksam zu machen und um Unterstützung zu werben. Bayerns IG Metall-Chef Werner Neugebauer rief die Öffentlichkeit auf, die Siemensianer bei ihrne Aktionen zu unterstützen und warnte das Management, seine Pläne ohne Rücksicht auf die Arbeitnehmer umzusetzen: "Wenn sie Standorte schließen, dann kriegen sie Ärger. [...] Ich halte einen Produktionsstillstand bei Autoherstellern für nicht ausgeschlossen."
Schulterschluss gegen die Bedrohung
Noch wichtiger als öffentliche Unterstützung ist vorerst allerdings der Zusammenhalt der Beschäftigten, wie auch die Betriebsräte in ihren Informationen ausdrücklich betonen: Nur geschlossene Belegschaften mit einer soliden Basis in der IG Metall können hoffen, wirksame Garantien für Standorte und Beschäftigung zu erreichen.


