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30.06.2007
Kampagne der IG Metall Bayern zur Leiharbeit:
"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit"

(Pressedienst 41 / 2007) Die 57. ordentliche Bezirkskonferenz der IG Metall Bayern in Bad Gögging hat eine Kampagne zum Thema Leiharbeit / Zeitarbeit beschlossen. Vorausgegangen ist diesem Beschluss eine Umfrage bei über 200 Betrieben der bayerischen Metall- und Elektroindustrie.

Warnstreik bei BMW in der Tarifrunde 2007:
Solidarität mit den Leiharbeitern

Die befragten Betriebe beschäftigen zusammen ca. 170 000 Mitarbeiter, davon knapp 20 000 Leiharbeiter. Die Quote der Leiharbeiter/Zeitarbeiter ist von Betrieb zu Betrieb höchst unterschiedlich und liegt zwischen 3 und 60 Prozent.

 

In vielen Unternehmen geht es beim Einsatz von Leiharbeit längst nicht mehr um die Abdeckung von Auftragsspitzen oder den Ausgleich saisonaler Auftragsschwankungen, sondern um systematische Kostensenkung durch Lohndumping.

 

Neugebauer: „Uns sind Fälle bekannt geworden, in denen Leiharbeitnehmer bis zu acht Jahren im gleichen Betrieb mit immer der gleichen Aufgabe eingesetzt wurden, das hat mit dem Auffangen von Produktionsspitzen nichts mehr zu tun.“

 

Dabei sind in einigen Unternehmen zig unterschiedliche Zeitarbeitsfirmen eingesetzt, so dass eine oft nicht mehr überschaubare Vielfalt an unterschiedlichen Tarif- und Entlohnungsbedingungen nebeneinander existieren.

 

Der Unterschied der Jahresgehälter zwischen Leiharbeitern und Stammbelegschaft beträgt bis zu 20 000 Euro. Der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Werner Neugebauer wies darauf hin, dass diese Niedriglöhne nicht nur die aktuelle Lebenssituation betreffen, sondern dadurch künftige Altersarmut vorprogrammiert ist, da die Beschäftigten nicht in der Lage seien, einen Beitrag in die private Altersvorsorge zu leisten.

 

Neugebauer: „Wenn ein Leiharbeitnehmer die linke Türe eines Autos einbaut und dafür 6,50 Euro pro Stunde erhält, während sein Nachbar am Band der die rechte Türe einbaut, einen Stundenlohn von ca. 17.- Euro bekommt, so ist das nichts anderes als ein skandalöses Bereicherungsprogramm der Arbeitgeber auf dem Rücken der Arbeitnehmer.“

 

Die IG Metall Bayern und die Betriebsräte der IG Metall in den Entleiher- und in den Verleiherfirmen werden sich gemeinsam verstärkt dieser Problematik zuwenden, mit dem Ziel den alten gewerkschaftlichen Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ auch für die Leiharbeitnehmer durchzusetzen und Leiharbeit wieder auf das erforderliche Maß zurückzuführen.

 

Neugebauer: „Positive Beispiele gibt es bereits, z.B. gilt bei der Zahnradfabrik in Passau das Prinzip: Wenn zehn neue Leiharbeitskräfte angefordert werden, müssen vorher zehn Zeitarbeiter übernommen werden. Ein Anfang ist also gemacht, wir wollen dafür sorgen, dass auch andere Betriebe diesem Beispiel folgen.“

 

Leiharbeit boomt

Keine Branche wächst derzeit so schnell wie die der Leiharbeit. Etwa die Hälfte aller neu geschaffenen Stellen im Jahr 2006 sind in dieser Branche entstanden. Für das Jahr 2007 gehen Fachleute von einem weiteren Anstieg der Zahl der Leiharbeiter um bis zu 20 Prozent aus.

 

Report Mainz hatte am Montag in einem Beitrag mit dem Titel „Wie Arbeitnehmer erpresst werden“ eine bisher unveröffentlichte Studie von ver.di zitiert: Ergebnis: In 18 Prozent der rückgemeldeten Fälle sind Leiharbeiter über eine Tochterfirma im eigenen Betrieb beschäftigt. Und das quer durch alle Branchen.

 

Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber kritisierte am Mittwoch auf einem Gewerkschaftskongress in Böblingen, dass Unternehmen die Leiharbeiter nicht mehr hauptsächlich dazu einsetzen, um Produktionsspitzen abzudecken. „Leiharbeit frisst sich immer weiter in das Normalarbeitsverhältnis hinein.“ Dem dürfe die Gewerkschaft nicht tatenlos zusehen.

 

Die IG Metall NRW hat gravierende Missstände in der Leiharbeit aufgedeckt. Bezirksleiter Detlef Wetzel fasste seine Kritik an der Praxis vieler Leiharbeitsfirmen in neun "Anklagepunkten" zusammen. Löhne würden vorenthalten, Zwangsurlaube angeordnet und Vertragsstrafen verhängt. Leiharbeit finde immer häufiger "unter Ausschluss elementarer Arbeitnehmerrechte" statt, die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter seien oft "menschenunwürdig.“

 

Vorbildlich ist die Situation in Österreich, wo von der Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung (GMTN) ein branchenübergreifender Kollektivvertrag ausgehandelt wurde, der den Leiharbeitnehmern den gleichen Lohn wie der Stammbelegschaft garantiert. Die besondere Sozialgesetzgebung verhindert, dass sich Arbeitgeber durch Tarifflucht diesem Vertrag entziehen können. (siehe auch: in Verbindung stehende News)

 

 

Gesetzt mit Öffnungsklausel

Auch in Deutschland müssten seit der Anpassung des Gesetz zur Regelung der gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung (AÜG) an europäische Vorgaben Leiharbeitnehmer eigentlich zu den gleichen Arbeitsbedingungen für einen vergleichbaren Arbeitnehmer des Entleihers - einschließlich des Arbeitsentgelts – beschäftigt werden (vgl. § 3 Abs. 1 Ziff. 3 bzw. § 9 Ziff. 3 AÜG). Eigentlich, denn dass Gesetzt sieht eine wesentliche Ausnahme vor, die vom Grundsatz des „equal pay“ abweichende Regelungen durch Tarifverträge zulässt.

 

Diese gesetzliche Regelung hat dazu geführt, dass bereits 2003 nahezu alle Verleihfirmen eigene Tarifverträge abgeschlossen haben. Der DGB konnte in seinen Tarifverträgen mit zwei Arbeitgeberverbänden der Zeitarbeitsbranche – Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA) und Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) – eine Haltelinie nach unten einziehen. In diesen Verbänden sind u.a. bedeutende Unternehmen der Branche wie Adecco und Randstad organisiert. Für viele kleinere der mehr als 15.000 am Markt tätigen Unternehmen gelten allerdings Tarifverträge, die von Gewerkschaften außerhalb des DGBs abgeschlossen wurden, meist von so genannten „christlichen Gewerkschaften“

 

Selbst Klaus J. Jacobs, Hauptgesellschafter der weltgrößten Zeitarbeitsfirma Adecco, hat für Deutschland eine bessere Bezahlung der Zeitarbeitskräfte gefordert. In einem Interview mit dem Hamburger Magazin Stern sagte er: "Ich trete persönlich dafür ein, dass unsere Mitarbeiter in den Unternehmen, in denen sie eingesetzt werden, den gleichen Lohn erhalten wie vergleichbare Festangestellte." Mehr als zehn Prozent Abschlag gegenüber dem hausüblichen Lohn - etwa wegen der notwendigen Einarbeitungszeit - sei für Zeitarbeiter nicht mehr hinnehmbar.

 

 

Entwicklung und Umfang der Leiharbeit in Deutschland

Der Anteil der Zeitarbeitsbeschäftigten an der Gesamtbeschäftigtenzahl beträgt in Deutschland rund 2 Prozent und liegt damit innerhalb Europas am unteren Ende der Skala.

 

Seit der letzten Gesetzesreform wächst die Leiharbeit allerdings zweistellig pro Jahr, so dass Mitte 2006 rund 600.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem Leiharbeitsverhältnis beschäftigt waren.

 

Die Betriebe nutzen Leiharbeit völlig unterschiedlich. Kleinbetriebe mit weniger als 50 Beschäftigten nutzen Leiharbeit so gut wie gar nicht. In Großbetrieben mit mindestens 500 Beschäftigten treffen wir jedoch häufiger diese Beschäftigungsform an: Knapp 40% dieser Betriebe machen von der Möglichkeit der Arbeitnehmerüberlassung Gebrauch.

 

Etwa 22 Prozent der Beschäftigten in Zeitarbeit sind Frauen, 78 Prozent Männer (Stand 2004).

 

 

Schwerpunkt in der Metall- und Elektroindustrie

Ein wichtiger Bereich der Zeitarbeit sind die Berufsfelder der Metall- und Elektrobranche, in denen ca. 30% aller Leiharbeitsbeschäftigten arbeiten. Dem gegenüber spielen Verwaltungs- und Bürotätigkeiten (10%) sowie alle sonstigen Dienstleistungsberufe (13%) eine eher untergeordnete Rolle. Auch technische Berufstätigkeiten (4%), sind nicht das vorrangige Einsatzgebiet von Zeitarbeit.

 

In der Automobilindustrie werden heute schon bis zu 15 % der Arbeitsplätze ausschließlich mit Leiharbeitnehmern besetzt. Bei einem Automobilzulieferer mit ca.1.700 Beschäftigten sind die Hälfte der Arbeitsplätze mit Leiharbeitnehmern besetzt. Eine ähnliche Tendenz ist in der Elektroindustrie und im Maschinenbau zu verzeichnen. Auch hier werden z.T. bis zu 50 % der Dauerarbeitsplätze dauerhaft mit Leiharbeitnehmern besetzt.

 

 

Lohndruck auf alle Beschäftigte

Verstärkte Zeitarbeit führt zu Lohn-Druck auf alle Beschäftigten. Die nachfolgende Grafik zeigt das Bruttomonatseinkommen im Organisationsbereich der IG Metall:

 

Grafik aus: Vortrag auf dem Kongress Gute Arbeit der IG Metall am 6./7.12.06 in Berlin; von Tatjana Fuchs (Soziologin) Internationales Institut für Empirische Sozialökonomie

 

 

Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass Zeitarbeit bei einem Konjunkturaufschwung besonders stark wächst. Die enormen Zuwächse in der letzten Zeit dürften aber auch damit zusammenhängen, dass die Tariflöhne in der Zeitarbeit deutlich unter denen der betroffenen Branchen liegen, in denen Zeitarbeit traditionell stark genutzt wird.

 

Die tariflichen Einstiegslöhne in der Zeitarbeit liegen in Westdeutschland bei rund 7 Euro pro Stunde, während etwa in der Metallindustrie für eine Hilfskraft im Lagerbereich mindestens 10,70 Euro bezahlt werden - rund die Hälfte mehr. Obwohl die Zeitarbeitsunternehmen natürlich für die Bereitstellung von Personal Zuschläge auf die Stundenlöhne erheben, sind Zeitarbeitskräfte für die Entleiher-Unternehmen auf’s Jahr gerechnet billiger – insbesondere auch weil die für Zeitarbeit geltenden Tarifverträge in der Regel geringere Sonderzahlungen vorsehen als die in der Metall- und Elektroindustrie geltenden Tarifbestimmungen.

 

 

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