Die deutsche Wirtschaft ist tief eingebrochen, nicht aber der Arbeitsmarkt. Das unterscheidet die Bundesrepublik derzeit von vielen anderen Industrieländern. Die Betriebsräte der deutschen Unternehmen rechnen nach einer Befragung WSI mit weiteren Stellenverlusten, aber nicht mit einer massiven Entlassungswelle. Allerdings haben fast ein Drittel der Firmen bereits ihre Belegschaft verkleinert.
Erste Ergebnisse aus der neuen repräsentativen Betriebsrätebefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung erlauben einen Blick auf die Hintergründe des international viel beachteten "deutschen Arbeitsmarktwunders". Sie zeigen: Dass in der Krise bisher so viele Jobs gerettet wurden, ist der Kurzarbeit zu verdanken, vor allem aber der flexiblen Arbeitszeitgestaltung durch Arbeitszeitkonten. Trotz dieses Erfolges wurde allerdings bereits in knapp 30 Prozent der Betriebe die Stammbelegschaft verkleinert. Noch stärker betroffen waren Leiharbeiter.
Für die kommenden Monate erwarten die befragten Betriebsräte weitere moderate Stellenverluste, aber keine massiven Entlassungswellen. Die WSI-Arbeitsmarktexperten Claudia Bogedan, Dr. Alexander Herzog-Stein und Wolfram Brehmer sind daher vorsichtig optimistisch, dass die beschäftigungssichernden Potenziale von Arbeitszeitanpassungen noch nicht ausgereizt sind. "Die Betriebe haben erstaunlich vielfältige Wege gefunden, um in der Krise zumindest große Teile ihrer Stammbelegschaft zu halten. Denn die Unternehmensleitungen wissen: Sie brauchen diese Beschäftigten, wenn es wieder aufwärts geht", sagt Arbeitsmarktforscher Herzog-Stein.
Die Befragung unter mehr als 2.300 Betriebsräten fand im Sommer und Frühherbst diesen Jahres statt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten und Betriebsrat. Derartige Betriebe beschäftigen rund 12 Millionen Menschen in Deutschland.
Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit sichern Stellen
Viele Jobs konnten bislang gerettet werden, weil die Firmen den Arbeitseinsatz intern an die Auftragslage angepasst haben. In der Wirtschaftskrise werden Instrumente interner Flexibilität besonders intensiv genutzt, stellen die WSI-Forscher fest. Das wichtigste waren die nach den Boomjahren 2007 und 2008 gut gefüllten Arbeitszeitkonten. In fast jedem dritten Betrieb wurden den Betriebsräten zufolge vorhandene Guthaben von Arbeitszeitkonten abgetragen oder gar Zeitschulden auf den Konten angesammelt - Stunden, die geleistet werden müssen, wenn die Nachfrage wieder anzieht.
Oftmals haben die Unternehmen auch ihre Arbeitsorganisation geändert, um Arbeitsplätze zu erhalten. Zudem formulierte jeder achte Betrieb die Urlaubsregelungen neu, jeder zehnte reduzierte Entgeltbestandteile.
Als Instrument gegen die Krise wird von der Öffentlichkeit vor allem die staatlich geförderte Kurzarbeit wahrgenommen. Die Kurzarbeit hat in der Tat einen erheblichen Beitrag zum Beschäftigungserhalt geleistet, das bestätigen auch die Wissenschaftler des WSI - in der praktischen Bedeutung aber rangiere sie hinter den Arbeitszeitkonten. Nur jeder fünfte Betrieb setzte Kurzarbeit ein.
Zusammenarbeit von Management und Betriebsräten
Das "deutsche Arbeitsmarktwunder", von dem Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sprechen, beruht demnach nicht allein auf dem Kurzarbeitergeld. "Die Unternehmen haben zahlreiche kleine Stellschrauben bedient", sagt Claudia Bogedan vom WSI. Die Vielfalt der eingesetzten Instrumente war für die Experten überraschend. Dass diese zum Einsatz kamen, dürfte auch an der eingespielten Zusammenarbeit von Management und Betriebsräten in den betroffenen Branchen liegen. Das ist ein Grund dafür, warum die Unternehmen den von der Finanzkrise ausgelösten Stresstest bislang so gut bestanden haben, so das WSI.
Betriebsbedingte Kündigungen in jedem siebten Betrieb
Ganz ohne Beschäftigungsabbau ging der tiefe Abschwung allerdings nicht vonstatten. Wo Leiharbeiter engagiert waren, mussten diese meist als Erste gehen. 28 Prozent der Betriebsräte berichten aber auch, dass ihr Unternehmen die Stammbelegschaft verkleinert habe; in einzelnen Branchen waren es sogar bis zu 35 Prozent. Diese Firmen verlängerten befristete Verträge nicht, boten Abfindungen an, verhängten einen Einstellungsstopp, übernahmen Auszubildende nicht. In rund 14 Prozent der Betriebe kam es zu betriebsbedingten Entlassungen.



