Gibt es in Bayern nun einen Fachkräftemangel, oder nicht? Bei einer Anhörung im Arbeitsministerium vertraten die Experten am Freitag hierzu ganz unterschiedliche Positionen. Die Industrie- und Handelskammer sieht bereits heute einem Fachkräftemangel, der eine Bremse für weiteres Wachstum sei. DGB Bayern hingegen hält den Fachkräftemangel in Bayern allenfalls für ein punktuelles Problem.
Fachkräftemangel ist nach Ansicht des Vorsitzenden des DGB Bayern, Fritz Schösser derzeit im Freistaat allenfalls ein punktuelles aber kein quantitativ bedeutendes Problem. „Vorübergehende Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung haben sämtliche Konjunkturaufschwünge der Vergangenheit begleitet, bei allerdings 25.000 kurzfristig nicht zu besetzenden Stellen von einem strukturellen Defizit zu sprechen, sei falsch.
Mit dieser überdramatisierten Debatte und dem schnellen Ruf nach Zugangserleichterung für ausländische hochqualifizierte Fachkräfte an den deutschen Arbeitsmarkt lenken die Protagonisten in Wirtschaft und Politik von eigenen Fehleinschätzungen und Versäumnissen ab“, stellte Schösser am Freitag in München fest.
Der bayerische DGB-Vorsitzende wies darauf hin, dass die Weiterbildungsquote in den bayerischen Unternehmen zwischen 2003 und 2005 von 23 auf 22 Prozent abgenommen habe. Vor allem große Betriebe ab 100 Beschäftigte hätten die Weiterbildung ihrer Beschäftigten deutlich zurückgefahren. „Das sind nun genau die Betriebe, die nach Angaben aus der Wirtschaft über fehlende Fachkräfte klagen. Damit zeigt sich eine Personal- und Weiterbildungspolitik in einzelnen Unternehmen, die völlig blind war für zukünftige Entwicklungen“ sagte Schösser.
Der Arbeitsmarktexperte des DGB Bayern, Robert Günthner betonte auf einer Expertenanhörung zum Fachkräftemangel im bayerischen Arbeitsministerium, dass Stellen für Ingenieure vor allem in industriellen Zentren kurzfristig nur schwer zu besetzen seien. Zeitgleich aber weise die Bundesagentur für Arbeit in Bayern im Mai 2.406 arbeitslos gemeldete Ingenieure aus. Mehr als die Hälfte davon seien über 50 Jahre. „Damit steht auch die Rekrutierungspraxis der Betriebe im Fokus: So lange Unternehmen dieses hochqualifizierte und motivierte Arbeitskräftepotential nicht nutzen, kann nicht glaubhaft von Fachkräftemangel gesprochen werden. „Älteren Arbeitslosen muss eine Chance auf Beschäftigung eröffnet werden, die unsichtbaren Altersgrenzen müssen weg“, forderte Günthner.
IHK sieht zunehmenden Fachkräftemangel
Die der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern hingegen vertrat in der Anhörung die Position, die bayerische Wirtschaft leide bereits heute unter einem Fachkräftemangel. 24 Prozent der Unternehmen könne nach einer aktuellen IHK-Umfrage offene Stellen derzeit nicht besetzen, sagte ihr Hauptgeschäftsführer, Reinhard Dörfler. Dies behindere das Wachstum von Unternehmen und habe Konsequenzen für den Arbeitsmarkt.
Der Fachkräftemangel, so Dörfler weiter, sei weder ein punktuelles Problem noch auf einzelne Branchen oder Regionen beschränkt. Besonders betroffen seien Großunternehmen.
Der Fachkräftemangel könne nur durch eine gesteuerte Zuwanderung von Spezialisten aus dem Ausland gelindert werden, unterstrich der IHK-Hauptgeschäftsführer bei der Anhörung. Und nannte die Auflagen, unter denen Jungakademiker ihre Arbeitskraft in Deutschland anbieten können, „realitätsfern“.


