Auf einer Betriebsversammlung am Sonntag haben über 2 000 Beschäftigten den Vorstand von Nokia massiv für die Entscheidung zur Werksschließung kritisiert und ihrer tief greifenden Enttäuschung Luft gemacht. Mit beißender Kritik diskutierten sie über drei Stunden die Schließungsabsicht sowie den Weg der Verkündigung.
Deutlich wurden die tiefen Wunden, die damit in die propagierte, familiäre Unternehmenskultur gerissen wurden, die das aufgestellte Unternehmensleitbild „very human/sehr menschlich“ völlig konterkariert.
Gisela Achenbach, Betriebsratsvorsitzende im Bochumer Werk: „Der Stern von Nokia ist massiv angekratzt und verbeult. Nokia hat es aber immer noch in der Hand, mit einer neuen Entscheidung für den Standort Bochum wieder für neuen Glanz zu sorgen.“ An den Vorstand in Finnland gerichtet sagte sie: „So wie ihr es jetzt macht, macht ihr Nokia kaputt“.
Dem Vorstand warf sie vor, den achten Schritt vor dem ersten zu machen, erst die Schließungsabsicht zu verkünden und dann über die Folgen nachzudenken, anstatt vorher mit den Beschäftigten, den Betriebsräten und der IG Metall nach Alternativen zu suchen. Gisela Achenbach erklärte, gerichtet an Olli-Pekka Kallasvuo, dem in Bochum heute nicht anwesenden Vorstandsvorsitzenden unter tosendem Beifall der Beschäftigten: „Heute hättest du hier sein müssen. Dir muss klar sein, wir wehren uns nicht nur in Bochum, wir wehren uns in der ganzen Stadt und im ganzen Land.“
In annähernd hundert Diskussionsbeiträgen und unzähligen Zwischenrufen wurde sehr kritisch hinterfragt, warum keine Alternativen zur Standortsicherung von der Konzernleitung und der Werksleitung entwickelt werden. Kritisiert wurde, dass es bis heute keinen Ansatz dazu gibt.
Ulrike Kleinebrahm, 1.Bevollmächtigte der IG Metall Bochum: „Wir haben auch heute keinen einzigen vernünftigen Grund erfahren, warum der Standort geschlossen werden soll. Es gibt keine einzige Zahl, die belegt warum der Standort nicht wettbewerbsfähig sein soll.“
Auf ihre Frage zur Prüfung von Alternativen für die Produktion, die Forschung und Entwicklung am Standort in Bochum blieb die anwesende Werksleitung jeden Ansatz einer glaubwürdigen Antwort schuldig.
Bestärkt durch die heutige Betriebsversammlung werden Betriebsrat und IG Metall in der kommenden Woche mit einem umfassenden Fragenkatalog auf die Unternehmensspitze zugehen, um die Schließungsabsicht zu hinterfragen und künftige Standortentwicklungen zu erarbeiten.
Weitere Aktionen der Solidarität, wie eine für den 10.2.2008 vorgesehene Menschenkette, sind geplant. Am kommenden Mittwoch werden sich in Brüssel, koordiniert durch den EMB (Europäischer Metallarbeiter Bund), die IG Metall und den Nokia-Betriebsrat, die Betriebsräte der europäischen Standorte von Nokia zur Abstimmung ihrer weiteren Zusammenarbeit treffen.
Subventionsbetrug?
Die Nachrichtenagentur AFP meldet, der Nokia-Konzern habe die Arbeitsplatzzusagen für das Werk in Bochum möglicherweise um bis zu 400 Stellen unterschritten, wodurch dem Konzern Rückzahlungen wegen des Verstoßes gegen Subventionsauflagen drohen. Die bisherige Prüfung durch die NRW-Bank habe ergeben, dass die vorgegebene Zahl von 2860 Stellen um 200 bis 400 unterschritten wurde, sagte ein Sprecher des NRW-Wirtschaftsministeriums. Das Ministerium prüfe nun, "ob und welche Konsequenzen das hat".
Nach Informationen des Magazins "Focus" überprüft die Staatsanwaltschaft Bochum, ob sie Ermittlungen wegen Subventionsbetrugs aufnimmt. Das Bundesforschungsministerium untersucht dem Bericht zufolge, ob Fördermittel für Forschung und Entwicklung zurückgefordert werden können.
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