Der scheidende Siemens-Vorsitzende Klaus Kleinfeld nannte den Mangel an Fachkräften eines der größten aktuellen Probleme für die deutsche Wirtschaft. So könne Siemens derzeit 3.000 Stellen allein in Deutschland nicht besetzen. „Und das geht nicht nur uns so.“
„Das ist hochkritisch und ein echtes Hemmnis für den Aufschwung“, sagte der Manager der „Bild“-Zeitung (Montagsausgabe). Im Mittelstand ist die Situation noch dramatischer“, sagte Kleinfeld. Er forderte deshalb, mehr Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.
Seinen in wenigen Tagen bevorstehenden Abschied von Siemens nannte Kleinfeld „schmerzhaft“. Wut im Bauch habe er aber nicht. Entscheidend sei, dass Siemens heute erheblich besser dastehe als vor zweieinhalb Jahren, als er sein Amt übernahm. „Das Unternehmen ist exzellent gerüstet für die Zukunft“.
Damit hat sich nun auch der scheidende Siemens-Chef in die Reihe derer eingereiht, die im zunehmenden Fachkräftemangel ein Hauptproblem für die künftige wirtschaftliche Entwicklung sehen. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland und Bayern wird nicht etwa durch zu hohe Löhne gebremst, sondern durch Fachkräftemangel. Nicht nur Ingenieure und Wissenschaftler werden gesucht. Immer mehr fehlen den Unternehmen auch gut ausgebildete Facharbeiter.
Natürlich kann man versuchen – wie Kleinfeld das fordert - diesen Mangel durch Fachkräfte aus dem Ausland zu beheben. Für ein Unternehmen wie Siemens ist regelmäßiger Austausch mit Fachleuten aus dem Ausland überlebensnotwendig, der allgemeine Fachkräftemangel wird sich aber alleine durch Zuzug aus dem Ausland nicht bewältigen lassen. Dazu müssen auch die Hausaufgaben im eigenen Land erledigt werden.
Fachkräftemangel ist hausgemacht
Denn dieser Fachkräftemangel kommt nicht von ungefähr. Er ist hausgemacht. Arbeitgeber und Bundesregierung setzen beim wichtigsten Zukunftsprojekt unserer Gesellschaft, der Ausbildung der Jugend, auf freiwillige Vereinbarungen. Das ist gründlich gescheitert. Immer weniger Betriebe bilden aus.
Der Lehrstellenmangel wird größer und größer. Zu Tausenden werden Jugendliche in Warteschleifen abgeschoben oder machen unbezahlte Praktika. Allein in Bayern warten über 21.000 Jugendliche in Berufsschulen auf einen Ausbildungsplatz. Manche bleiben ganz auf der Strecke. Ein skandalöser Zustand.
Studiengebühren und schlechte Studienchancen für Arbeiterkinder führen dazu, dass viele potentielle künftige Fachkräfte erst gar nicht die Chance erhalten das notwendige Wissen zu erwerben.
Es ist eine Binsenweisheit, dass Deutschland als rohstoffarmes Land auf den Rohstoff „Bildung“ besonders angewiesen ist. Bildung ist an Bedeutung kaum zu überschätzen. Bis zu 30 Prozent des Wirtschaftswachstums kann vom Bildungsstand der Bevölkerung abhängen.
In Deutschland wird dieser Erkenntnis nicht ausreichend Rechnung getragen. Fast 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren haben keine Berufsausbildung. Die Quote der Universitätsabschlüsse stagniert seit 30 Jahren, obwohl sich der Anteil von Schulabgänger/innen mit Abitur im gleichen Zeitraum verdoppelt hat.
Das schlimmste ist die absolute Ignoranz mit der offizielle deutsche Regierungspolitik auf die Bildungsmisere reagiert. Als der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz, im März dieses Jahres seinen mit Spannung erwarteten Deutschland-Report vorstellte, und dabei harsche Kritik am deutschen Schul- und Bildungssystem übte, stieß er bei den Verantwortlichen nicht nur auf völliges Unverständnis, sonder erntete teils wütende Reaktionen.
Die Ergebnissen von Pisa und IGLU passen nicht ins deutsche Bild vom angeblich so hervorragenden deutschen Bildungswesen. Objektive Vergleiche mit der Situation in anderen Ländern ergeben längst ein anderes Bild: kaum ein Land gibt so wenig Geld Bildung aus, wie Deutschland.
Das Leugnen der Defizite des deutschen Schulsystems bürdet der jungen Generation eine große Hypothek auf. International verfestigt die Bundesrepublik so ihren Ruf als Bildungszwerg.



