Anfangs war bei Siemens von deutlich über 17.000 gefährdeten Stellen weltweit die Rede, davon 6.450 in Deutschland, dann waren es plötzlich 1.200 weniger. Anfangs hieß es, der Stellenabbau solle vor allem die betreffen, die Löscher wenig freundlich als „Lehmschicht“ bezeichnet hat, also das mittlere und obere Management – jetzt stellt sich heraus: Betroffen sind vor allem Tarifangestellte.
Siemens – und Teile der Presse haben das leider so übernommen – spricht plötzlich „nur noch“ von 5.250 Stellen, die in Deutschland wegfallen sollten. Die Differenz zu den ursprünglichen Zahlen ergibt sich offenbar aus der Tatsache, dass der Bereich Siemens Industrial Montage Services (SIMS), den Siemens verkaufen will, schon nicht mehr mitgerechnet wird. Auf diesem Weg sollen 1.200 Beschäftigte das Unternehmen verlassen. Betroffen wären vom Verkauf auch 350 Beschäftigte in Bayern, davon über 100 in Nürnberg und über 80 in München. Bei SIMS sind die Monteur und Techniker beschäftigt, die von der Ampelanlage bis zum Wasserkraftwerk alles warten, was Siemens so gebaut hat.
Zu 75 Prozent Tarifangestellte betroffen
Bereits in den ersten Reaktionen auf den angekündigten Stellenabbau hatte die IG Metall Bayern darauf hingewiesen, dass die Pläne zu rund 75 Prozent Beschäftigte treffe, die unter den Tarifvertrag der IG Metall fallen, beispielsweise Service-Techniker und Verwaltungskräfte (siehe auch: Pläne zum Stellenabbau bei Siemens nicht akzeptabel). Diese Feststellung hat Löscher offenbar getroffen, zumindest versuchte er – Medienberichten zufolge – am Mittwochabend im Club Wirtschaftspresse München den Eindruck aufrecht zu erhalten, der Schwerpunkt des Stellenabbaus läge beim Management.
Der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Werner Neugebauer reagierte verärgert auf diese Zahlenspiele: "Ein Rechentrick, den jeder Drittklässler durchschaut. Fakt ist: Der Stellenabbau trifft zu 75 Prozent Beschäftigte, die unter den Tarifvertrag der IG Metall fallen, das sind Beschäftigte bis zu einem Monatsbrutto von max. 6.400 Euro brutto bei einer 40 Stundenwoche - zu diesem Kreis gehört bestimmt niemand vom mittleren oder oberen Management. Sowohl die Struktur, als auch die geplante Größenordnung des geplanten Stellenabbaus sind eine Gefährdung für die Zukunftsfähigkeit des Konzerns." Im Übrigen sei jeder Arbeitsplatz, der abgebaut werden soll einer zu viel.
Auch der Behauptung von Löscher "es gehe nicht um ein Mitarbeiter-Abbauprogramm, sondern um Kostensenkung," widersprach Neugebauer vehement: „ Die IG Metall hat sich noch nie gegen eine intelligente Form der Kosteneinsparung gewehrt. Wenn Siemens aber nichts anderes einfällt, als die einzusparende Summe durch Köpfe zu teilen, so ist das ein bisschen wenig geistige Potenz für einen Weltkonzern. Wir warten gespannt auf intelligentere und innovativere Vorschläge des Unternehmens."
Zeitdruck?
Löscher hat es mit dem Stellenabbau offenbar eilig, er bekräftigte die Aussage von Finanzvorstand Joe Kaeser, der die Kosten für die Stellenstreichungen möglichst noch im laufenden Jahr verbuchen will. Gemeint ist damit wohl das laufende Geschäftsjahr und das dauert bei Siemens noch bis zum 30.09. – wenig Zeit also. Als Grund für diese Eile vermutet die Nachrichtenagentur Reuters, dass das Geschäftsjahr 2007/08 ohnehin von zahlreichen Sondergewinnen und -verlusten verzerrt sei.
Die IG Metall werde nicht innerhalb weniger Wochen Entscheidungen treffen, nachdem der Konzern mit einem Stab von 300 Leuten ein halbes Jahr an der Ausarbeitung des Sparprogramms gearbeitet habe, erklärte Werner Neugebauer dazu gegenüber der Augsburger Allgemeinen. Und zur Süddeutschen Zeitung sagte er: "Ich halte es für vollkommen unrealistisch, dass wir uns so schnell mit der Arbeitgeberseite einigen werden. Die Vorstellung ist jenseits von Gut und Böse". Die Verhandlungen werden nicht in einigen Wochen beendet sein. Wir wollen uns alle Arbeitsplätze erst einmal konkret anschauen. Betrieb für Betrieb, Bereich für Bereich. Und das ist nicht in zwei Wochen, vielleicht nicht einmal in zwei Monaten abwickelbar."



