Die Beschäftigten in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie haben sich im zurückliegenden Halbjahr noch seltener krank gemeldet als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Durch die geringeren Fehlzeiten sparen die Arbeitgeber jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro.
Im Winterhalbjahr 2006 / 2007 lag die Krankenquote in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie bei 4,3 Prozent. Bei 125 möglichen Arbeitstagen bedeutet dies, dass ein Arbeitnehmer in diesen sechs Monaten im Durchschnitt an 5,4 Tagen wegen Krankheit fehlte. Im Vergleich zum Winterhalbjahr 2005 / 2006 ist der Krankenstand damit um 0,3 Prozentpunkte gesunken. Im Vorjahreszeitraum lag die Quote noch bei 4,6 Prozent oder 5,8 Tagen.
Das geht aus einer Umfrage hervor, die die Arbeitgeberverbände der bayerischen Metall- und Elektroindustrie BayME und VBM in München vorgestellt haben. An der Umfrage haben sich nach ihren Angaben 292 Betriebe mit insgesamt knapp 251000 Beschäftigten beteiligt.
Im Jahresdurchschnitt 2006 betrug die Krankheitsquote 4,2 Prozent und lag damit auf dem Niveau des Rekordtiefs von 2004. Im Jahr 2001 lag die Fehlzeitenquote noch bei 5,0 Prozent.
Berücksichtigt man nur die Krankheitstage, für die das Entgelt fortgezahlt wird, so ergibt sich eine noch erheblich niedrigere Quote, da z.B. Langzeiterkrankungen nicht erfasst werden. Für den Krankenstand mit Entgeltfortzahlungspflicht ergab die Umfrage eine Quote von 3,3 Prozent gegenüber 3,4 Prozent im Winterhalbjahr 2005 / 2006.
Erhebliche Einsparungen für die Arbeitgeber
Der sinkende Krankenstand spart den Arbeitgebern jedes Jahr Millionen. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer von BayME und VBM: „Die Lohnfortzahlung für die bayerische M+E-Industrie summierte sich im vergangenen Jahr auf fast 1,4 Milliarden Euro. Hätten wir immer noch den Krankenstand von 2001 gehabt, hätte dies die bayerischen M+E-Betriebe 260 Millionen Euro mehr gekostet.“
Brossardt sieht angeblich mehrere Gründe für die rückläufigen Fehlzeiten. Als Beispiele nennt er aber nur Maßnahmen der Arbeitgeber zur Senkung des Krankenstandes, wie „Gesundheitszirkel, Rückenschulungen oder kostenlose Grippeschutzimpfungen.“
Zusammenhang zwischen Krankenstand und Jobsicherheit?
Brossardt kommt zu der erstaunlichen Erkenntnis, die aktuelle Umfrage widerlege das Argument, der Krankenstand hänge von der Jobsicherheit der Arbeitnehmer ab. In konjunkturell schwierigen Jahren seien sinkende Krankenstände immer wieder mit dem Vorurteil begründet worden, Arbeitnehmer kämen aus Angst um ihren Job krank zur Arbeit. „Wenn dem so wäre, müsste jetzt der Krankenstand in der M+E-Industrie wieder ansteigen, da derzeit tausende neue Jobs entstehen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall, die Fehlzeiten gehen weiter zurück“, sagte Brossardt.
Dass er damit ausdrücklich den Erkenntnissen der Wissenschaft widerspricht und diese wörtlich als „Vorurteil“ abtut, stört ihn dabei offenbar wenig (siehe auch: In Verbindung stehende News).
In der Wissenschaft gelten neben medizinischem Fortschritt, weniger körperlicher Arbeit und besserer Prävention auch die Angst vor Jobverlust und die Auswirkungen von Vorruhestands- und Entlassungswellen als Ursachen für den Rückgang krankheitsbedingter Fehltage.
Brossardt verwechselt offenbar die Schaffung neuer Arbeitsplätze mit „Jobsicherheit“ – eine Verwechslung, die naheliegend sein mag, aber die Diskussion der Arbeitgeber um die Aufweichung des Kündigungsschutzes oder den verstärkten Einsatz von Leiharbeit einfach ausblendet.
Ein genauerer Blick in seine eigene Statistik hätte ihn lehren können, dass es noch andere Gründe für den Rückgang des Krankenstandes geben muss, als die von ihm genannten. Denn die Statistik „Krankenstand nach Betriebsgrößen“ zeigt, dass der Krankenstand in Betrieben mit weniger als 100 Beschäftigten erheblich niedriger ist als in Betrieben mit mehr als 100 Beschäftigten. Die von Brossardt so lobend erwähnten gesundheitspolitischen Maßnahmen der Betriebe dürften aber in kleinen Betrieben viel seltener sein als in großen.
Auch der Blick auf die Verteilung nach Branchen widerspricht der These Brossardts.
Die Soziologen Hermann Kocyba und Stephan Voswinkel vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main haben herausgefunden, dass betriebliche Gesundheitsbelastungen besonders häufig bei modernen Dienstleistern wie IT-Firmen ignoriert werden. Die Unternehmen bieten zwar Programme zur Gesundheitsförderung an, zugleich ist die Arbeit aber so organisiert, "dass Krankheit nicht vorkommen darf". Termindruck, knappe Personaldecke und das „Aufeinander-Angewiesensein“ in Teams sorgen dafür, dass sich bei den Beschäftigten "von selbst Mechanismen der Krankheitsverleugnung entwickeln".
Die Umfrage von VBM und BayME bestätigt diese Erkenntnis: In der IT-Branche lag danach der Krankenstand im Winterhalbjahr 2006 / 2007 bei 3,0 Prozent, in Gießereien hingegen bei 5,2 Prozent. (Seite 4 der Auswertung)
Brossardt möge es daher verzeihen wenn mir genau in dem Moment ein Zitat des schottischen Schriftstellers Andrew Lang in den Sinn kommt:
Viele benutzen die Statistik wie ein Betrunkener einen Laternenpfahl: vor allem zur Stütze des eigenen Standpunktes und weniger zum Beleuchten eines Sachverhaltes"



