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09.11.2008
"An der Forderung wird nicht gerüttelt"

Berthold Huber, Vorsitzender der IG Metall, hat der Wirtschaftswoche ein Interview gegeben, soweit so gut, und nichts Außergewöhnliches – in einer Tarifrunde schon gar nicht. Außergewöhnlich ist allerdings, was die Wirtschaftswoche daraus gemacht hat.

Die redaktionelle Zusammenfassung des Interviews, die die Wirtschaftswoche offenbar auch an die Nachrichtenredaktionen geschickt hat, trägt die Überschrift: Exklusiv: "IG-Metall-Chef Huber bietet längere Laufzeiten und Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich an". So eine Meldung greifen die Medien natürlich begierig auf, und so läuft diese Botschaft das ganze Wochenende quer durch alle Nachrichten.

Bei einer Überschrift: "an der Forderung wird nicht gerüttelt", wäre das Echo sicherlich lange nicht so heftig gewesen, auch wenn sie zum Wortlaut des Interviews viel besser gepasst hätte. An der Forderung werde nicht gerüttelt, sagt Huber, „denn es hat in den vergangenen Jahren eine signifikante Benachteiligung der Arbeitnehmer gegeben.“ Den bisherigen Verhandlungsstand nannte Huber „sehr bescheiden“ und das Arbeitgeberangebot von 2,1 Prozent für 2009 einen „Witz“.

„Wir haben ein klares Eskalationsszenario. Kommt es zu keiner Einigung, wird der IG-Metall-Vorstand am Mittwoch das Scheitern der Verhandlungen beschließen und am Donnerstag die Urabstimmung einleiten“, unterstrich Huber noch einmal die Frist, die er bereits in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Mittwoch gesetzt hatte. (siehe auch: „Frist für verbessertes Angebot der Arbeitgeber läuft“).

Im Falle eines Scheiterns, werde bereits am darauffolgenden Montag (17.11.) der Arbeitkampf beginnen, kündigte der Vorsitzende der IG Metall an.

„Jetzt sind wir dran“

Rund 550.000 Beschäftigte aus der Metall- und Elektroindustrie legten in der ersten Warnstreikwoche ihre Arbeit nieder. Huber verwies auch in dem Interview mit der Wirtschaftswoche auf diese Rekordbeteiligung, mit der die Beschäftigten ein Zeichen der Entschlossenheit gesetzt haben: „Es herrscht überall die Stimmung: Jetzt sind wir dran! Schließlich haben die Metallunternehmen 2007 und 2008 die höchsten Nettoumsatzrenditen seit den Sechzigerjahren erzielt.“

Praxis und Tarifvertrag seit vier Jahren

Wie kommt es nun eigentlich zu dieser reißerischen Überschrift? Nun ganz einfach: indem eine Passage des Interviews, in dem sich Berthold Huber ausdrücklich auf eine tarifliche Regelung bezieht, die es bereits seit vier (!!) Jahren gibt, von den Überschriftenmachern plötzlich als neue Nachricht verkauft wird. Wörtlich sagte Huber, auf die Frage, was denn mit den Betrieben sei, die in wirtschaftliche Not geraten: „Die IG Metall hat bewiesen, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen zu einzelbetrieblichen Abweichungen vom Flächentarif bereit ist. Denkbar sind zum Beispiel temporäre Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich. Es gibt ja den sogenannten „Pforzheim-Tarifvertrag“. Der hat in den vergangenen Jahren mehr als 1000 Unternehmen Abweichungen vom Flächentarif ermöglicht – wenn sie im Gegenzug Job- oder Investitionsgarantien gegeben haben.“

Was die Überschriftenmacher hier "Exklusiv" nennen, ist das sogenannte Pforzheimer Abkommen aus dem Jahr 2004. Mit dem die IG Metall in die Offensive gegangen ist, um Kontrolle über Tarifabweichungen zu bekommen und den Flächentarif zu festigen, wie dies Thomas Haipeter in seinem Beitrag für das Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung beschreibt.

Ach ja, dass die IG Metall bereit ist, über die Laufzeit des Tarifvertrages zu sprechen, ist so Exklusiv, wie das die Überschrift der Wirtschaftswoche glauben machen will, auch nicht. Das beweist zum Beispiel die nahezu wortgleiche Formulierung in einem Gespräch, dass Berthold Huber schon vor vier (!!) Wochen mit dem Spiegel geführt hat. (siehe auchWirtschaftlich verkraftbar und wohlbegründet“)

 

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