Bei Deutschlands Arbeitnehmern ist der Aufschwung der vergangenen drei Jahre nicht angekommen. Nach Abzug von Steuern und Abgaben blieb die Lohnentwicklung je Beschäftigtem sogar hinter der Inflation zurück. Im Unterschied zu früheren konjunkturellen Boomphasen sind die Einkommen der privaten Haushalte im jüngsten Aufschwung kaum gestiegen.
Die realen Nettolöhne je Beschäftigtem sind im aktuellen Aufschwung sogar um 3,5 Prozent gesunken. Das sind Ergebnisse einer neuen Studie, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung vorgestellt hat.
"Der von vielen als Belohnung für Lohnzurückhaltung und Arbeitsmarktflexibilisierung versprochene erhebliche zusätzliche Beschäftigungsanstieg hat sich nicht eingestellt", sagt der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Prof. Dr. Gustav A. Horn. "Für die große Mehrheit der Bevölkerung hat der Begriff Konjunkturaufschwung eine neue Qualität bekommen: Wachstum ohne Einkommenszuwachs", so Horn.
Das IMK sieht angesichts der einseitigen Einkommensentwicklung nur geringe Chancen für einen Schub beim Konsum, der nach den Analysen vieler Forscher die Konjunktur in diesem Jahr antreiben muss, um einen Abschwung zu verhindern. Von erheblicher Bedeutung sei, dass die Lohnentwicklung gesamtwirtschaftlich deutlich hinter dem Wachstum von Produktivität und Inflation zurückblieb, hinzu kommen die Folgen der Mehrwersteuererhöhung, die bis in dieses Jahr reichen. "Eine stärkere Lohnentwicklung, die gesamtwirtschaftlich den Verteilungsspielraum von rund 3,5 Prozent ausschöpft, würde Konsum und Wirtschaftsentwicklung voranbringen", sagt Horn.
Löhne, Transfers, Gewinne: Einkommensschere öffnet sich
An den Beziehern von Lohneinkommen ging der Aufschwung bislang vorbei, wie verschiedene Kenngrößen deutlich machen. Die realen Nettolohneinkommen aller Beschäftigten, gemessen in der Nettolohn- und Gehaltssumme, sanken um 1,5 Prozent - nach einem Zuwachs von real gut acht Prozent im Aufschwung zuvor. Die realen Nettolöhne je Arbeitnehmer gingen in diesem Aufschwung sogar um 3,5 Prozent zurück. Im Vergleichszyklus waren sie noch um vier Prozent gestiegen. Die Bruttolohnquote, die im letzten Aufschwung nach elf Quartalen bei rund 71 Prozent stagnierte, ist in diesem Zyklus von rund 68 auf etwa 64 Prozent gefallen.
Die Einnahmen von Unternehmern, vielen Selbstständigen, Aktienbesitzern und anderen Kapitaleignern stiegen dagegen deutlich an. Die Gewinne der Unternehmen seien "geradezu explodiert", so die Forscher: Die nominalen Bruttogewinne der Unternehmen wuchsen in diesem Aufschwung um 25 Prozent - nach fünf Prozent im vorigen Zyklus. Der Anteil der Bruttogewinnquote am Volkseinkommen stieg von 32 auf knapp 36 Prozent. Die sehr gute Entwicklung der Gewinne ist nach der IMK-Analyse die Kehrseite der schwachen Entwicklung bei den Arbeitnehmereinkommen: "Die Unternehmen waren bei guter Konjunktur nicht gezwungen, die geringen Arbeitskostensteigerungen vollständig in den Preisen weiterzugeben und diese - bei Einrechnung der Produktivitätsfortschritte - zu senken", schreiben die Wissenschaftler. "Letztlich konnte der Aufschwung von den Unternehmen für eine massive Umverteilung zu ihren Gunsten genutzt werden."
Damit sei der Einkommenszuwachs bislang vor allem den Vermögensbesitzern zu Gute gekommen, so das IMK, und damit einer relativ kleinen Gruppe in der Bevölkerung. Zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung haben kein oder nur geringes Vermögen, während das reichste Zehntel knapp 60 Prozent besitzt, wie eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Vermögensstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unlängst ergeben hat.



