Unter ihm würden Arbeitnehmer große Veränderungen bei Siemens nie zuerst aus der Presse erfahren, erklärte Peter Löscher seit seinem Amtsantritt wiederholt. Die Aussage scheint sich nun zu relativieren: Seit Freitagnachmittag finden Siemensianer in den Medien konkrete Abbauzahlen zum Konzernumbau. Offiziell unbestätigt, gelten diese mittlerweile dennoch als annähernd verlässlicher Wert.
Von 17.200 gefährdeten Stellen weltweit ist die Rede, 6.400 davon sollen es in Deutschland sein. Betroffen sind den erstaunlich detaillierten Informationen in den Medien zufolge rund 1.330 Stellen in Erlangen, 900 in München, 600 in Nürnberg und 340 in Berlin; die "Welt" will außerdem erfahren haben, Siemens wolle in der Division Mobility 2.000 von insgesamt 18.900 Stellen streichen.
Siemens hat die Zahlen bisher nicht kommentiert, geht aber plötzlich mit einem Mal offensiver an die Öffentlichkeit, als dies in den letzten Monaten der Fall war. Es will scheinen, dass man darum ringt, in einer eventuellen Debatte von vornherein die Unternehmensseite massiv zu positionieren.
Kommunikation eine "Zumutung"
Bayerns IG Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer kritisierte gegenüber der dpa als "hochgradige Zumutung", dass die Abbaupläne an die Öffentlichkeit gelangten, bevor die zuständigen Arbeitnehmervertreter bis hinauf in den Aufsichtsrat informiert waren. Nicht nur er erwartet nun eine "tiefe Verunsicherung" bei Siemens.
Auch Birgit Steinborn, Betriebsratsvorsitzende in der Niederlassung Hamburg, Mitglied im Siemens Aufsichtsrat und im Wirtschaftsausschuss kritisierte die Informationspolitik des Konzerns scharf: „Wir haben den Stellenabbau aus der Presse erfahren, noch bevor der Wirtschaftsausschuss und der Aufsichtrat davon informiert wurde und Verhandlungen begonnen haben“.
Nicht mit den Arbeitnehmern zu verhandeln, sondern die Tatsachen gleich in die Presse zu lancieren, ist Teil des neuen Cowboystils im Management - Hire and Fire -, der sich zunehmend im Unternehmen breit macht. Mit Sozialpartnerschaft und einem Dialog mit Beschäftigten und Betriebsräten hat das nichts mehr zu tun. „Herr Löscher geht vor wie der Elefant im Porzellanladen“, so Rüdiger Skrobarczyk, ebenfalls Mitglied im Wirtschaftsausschuss und Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses des Gesamtbetriebsrats.
Gute Absichten...
Peter Löscher räumte unterdessen gegenüber dem "Focus" Fehler beim geplanten Stellenabbau ein: Es sei "sicher falsch" gewesen, schon im November 2007 das Einsparziel von 1,2 Milliarden Euro jährlich in Verwaltung und Vertrieb anzukündigen. Nun möchte er nach eigenem Bekunden "schnell Klarheit schaffen, einen fairen Interessensausgleich für die betroffenen Mitarbeiter aushandeln, soziale Härten vermeiden und möglichst auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten."
... aber mit welchen Erfolgsaussichten?
Letzteres klingt erst einmal nicht schlecht - ob beziehungsweise wie es allerdings in dieser Dimension umgesetzt werden kann, wird sich zeigen müssen. Neugebauer erinnerte Siemens and die Zusage, dass der Konzernumbau ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgen werde. Er äußerte aber auch erhebliche Zweifel, die wohl viele Beschäftigte aus Erfahrung teilen werden: "Wie das möglich sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich glaube das erst, wenn die entsprechenden Vereinbarungen getroffen sind." Neugebauer kündigte den Widerstand der IG Metall an, in einem Interview mit B5 aktuell sagte er: “Siemens steht in der Verantwortung gegenüber den Menschen und wenn das nicht erfüllt wird, dann gibt es Krach auf breiter Ebene.“



