Leiharbeit und geringfügige Beschäftigung würde Jobs schaffen und wäre ein gutes Sprungbrett in Festanstellung – behaupten die Befürworter. Das Gegenteil ist richtig, das bekommen die Befürworter jetzt schriftlich vom Statistischen Bundesamt. Die sogenannten „neuen Beschäftigungsformen“ verdrängen zunehmend die Stammarbeitsplätze in Deutschland.
Von 1997 bis 2007 nahm der Anteil der atypischen Beschäftigungsformen um 8 Prozentpunkte auf 25 zu. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Dienstag im Rahmen eines Pressegesprächs in Frankfurt am Main mitteilte, hat die Zunahme neuer Beschäftigungsformen die Beschäftigungsentwicklung der vergangenen zehn Jahre in Deutschland maßgeblich geprägt. Zu diesen neuen oder häufig auch als atypisch bezeichneten Beschäftigungsformen gehören befristete oder geringfügige Beschäftigung, Teilzeitarbeit sowie Zeitarbeit.
Während die Zahl der Erwerbstätigen in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen von 1997 bis 2007 um 1,5 Millionen gesunken ist, stieg die Anzahl der Personen in atypischen Beschäftigungsformen in diesem Zeitraum um 2,6 Millionen an, auf jetzt 7,7 Millionen.
Der Beschäftigungszuwachs der vergangenen zehn Jahre ist also vor allem auf atypische Beschäftigung zurückzuführen.
Unter einem Normalarbeitsverhältnis wird hier ein Beschäftigungsverhältnis verstanden, das in Vollzeit und auf einer dauerhaften vertraglichen Grundlage ausgeübt wird. Ein Normalarbeitnehmer arbeitet direkt in dem Unternehmen, mit dem er einen Arbeitsvertrag hat. Bei Zeitarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmern, die von ihrem Arbeitgeber – der Zeitarbeitsfirma – an andere Unternehmen verliehen werden, ist das nicht der Fall. Zudem sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über ein Normalarbeitsverhältnis in die sozialen Sicherungssysteme wie Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung und Krankenversicherung integriert. Das heißt, sie erwerben über die von ihrem Erwerbseinkommen abgeführten Beiträge Ansprüche auf Leistungen aus den Versicherungen.
Hingegen zeichnet sich Prekäre Beschäftigung durch ein erhöhtes Armutsrisiko des/der Beschäftigten aus, welches zusätzlich von der persönlichen Berufsbiografie und dem persönlichen Haushaltskontext abhängig ist. Die hier angesprochenen neuen oder atypischen Beschäftigungen können durchaus absichtlich gewählt sein, weil sich beispielsweise im konkreten Fall dadurch berufliche und andere persönliche Interessen besser kombinieren lassen.
„Die Zahl atypisch Beschäftigter hat in allen Formen zugenommen. Quantitativ am bedeutendsten ist die Steigerung der Teilzeitbeschäftigten von über 1,5 Millionen. Relativ betrachtet entspricht das einer Zunahme von gut 45 Prozent. Die Zahl der Zeitarbeitnehmer ist zwar absolut nur um gut 430 000 gestiegen, was allerdings einer enormen Steigerung um 235 Prozent gleichkommt,“ sagte Wolfgang Strohm, Leiter der Abteilung "Gesamtrechnungen, Arbeitsmarkt" in seinem Pressestatement.
Besonders betroffen sind Frauen…
Der Anteil der Frauen in atypischer Beschäftigung ist immer noch mehr als zweieinhalbmal so groß wie der der Männer. Arbeitnehmerinnen befanden sich im gesamten betrachteten Zeitraum viel häufiger in atypischer Beschäftigung als ihre männlichen Kollegen. 2007 waren es 38,4 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen und nur 14,0 Prozent der abhängig beschäftigten Männer. Zehn Jahre zuvor lagen die entsprechenden Anteile noch bei 29,7 Prozent beziehungsweise 7,7 Prozent. Damit ist der Anteil der Arbeitnehmer relativ gesehen stärker gestiegen als der der Arbeitnehmerinnen, der Abstand bleibt aber auch 2007 deutlich. Wesentlicher Grund für dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist die große Zahl der in Teilzeit beschäftigten Frauen.
… und junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
Alle Altersgruppen sind von der Zunahme atypischer Beschäftigung betroffen. Stieg allerdings der Anteil atypisch Beschäftigter für die Altersgruppen über 25 Jahren binnen der letzten zehn Jahren im Schnitt um 7 Prozentpunkte, so ist der Anteil der jüngsten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um fast 20 Prozentpunkte gestiegen. Er hat sich damit verdoppelt.
DGB: Wildwest am Arbeitsmarkt stoppen
Der DGB sieht in den Zahlen des Statistischen Bundesamts ein weiterer Beweis dafür, dass ein zunehmender Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in unsichere, schlecht bezahlte und perspektivlose Jobs gedrängt werde. Die aktuelle Statistik zeige, dass eine Politik nach dem Motto ‚Sozial ist, was Arbeit schafft’ in eine Sackgasse führt und Millionen von Beschäftigten in die Armut treibt.
Der DGB fordert die Koalition auf, dem Billigboom am Arbeitsmarkt nicht länger tatenlos zuzusehen. „Es ist und bleibt ein handfester Skandal, dass immer mehr Beschäftigte von ihrer Arbeit nicht leben und keinerlei Perspektive aufbauen können“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Dienstag in Berlin. „Die Koalition sollte schnellstens die Reißleine ziehen und dem Wildwest auf dem Arbeitsmarkt ein Ende bereiten. Dazu gehören vor allem die flächendeckende Einführung von Mindestlöhnen und die rigorose Eindämmung des Missbrauchs vor allem bei der Leiharbeit“.
Der DGB hat sich des Themas „unsichere Beschäftigung“ angenommen und bietet Betroffenen auf seiner Internetseite http://www.ratgeber-ungesicherte-jobs.dgb.de konkreten Rat.



