Der Halbleiterkonzern Infineon hat das abgelaufene Geschäftsjahr mit tiefroten Zahlen beendet: Der Verlust beträgt über drei Milliarden Euro. Doch mit Bilanzen ist es wie dem Rubikschen Zauberwürfel: Man kann sie drehen und wenden, um jedes gewünschte Muster zu erzeugen.
Die im DAX notierte Infineon AG informierte heute in den frühen Morgenstunden zunächst die interessierte Fachpresse, danach die „Analysten“ genannten Investmentbanker und anschließend gegen Mittag auch die Beschäftigten in „All-Hands-Meetings“ über den Ausgang des wirtschaftlichen Wirkens der Infineon AG.
Der Fehlbetrag für das Gesamtjahr summiere sich auf 3,12 Milliarden Euro, bei einem Umsatz von 4,32 Milliarden Euro (Vorjahr: 4,07 Milliarden Euro), teilte das Unternehmen in einer Presseinformation mit.
3 Milliarden Euro, das ist viel Geld, wird sich der geneigte Betrachter denken. Doch da denkt er schon ganz und gar falsch. Denn: Die drei Milliarden sind nicht wirklich Geld, sie sind im Wesentlichen sogenannte Buchverluste auf die – wie ja jetzt in der Presse öffentlich angekündigt – ernsthaft kränkelnde Tochter Qimonda.
Sondereffekt Qimonda
Der Wert von Qimonda fand sich in der Infineon Bilanz zu Beginn des Geschäftsjahres im Anlagevermögen, stellte also einen positiven Buchwert dar. Ganz so wie zum selben Zeitpunkt die ebendort – Gott sei Dank in wesentlich geringeren Umfang - befindlichen „Lehman Immobilien Certificates“. Zum Ende des Geschäftsjahres ist die Werthaltigkeit des einen wie des anderen Bilanzpostens deutlich geringer. So was ergibt einen Bilanzverlust. Ein Bilanzverlust ist im Grunde nichts anderes als das Eingeständnis, dass man etwas für wertvoller gehalten hat, als es tatsächlich war. Ein Bilanzgewinn vice versa. In beiden Fällen fließt aber kein einziger realer Euro. Denn: Bilanzgewinne oder –verluste sind nichts weiter als der buchhalterische Ausdruck von Finanzmanagemententscheidungen. Im Falle des Verlustes Fehlentscheidungen halt. Mit dem Verlust von wirklichem Geld hat das nichts zu tun. So gesehen sind die 3 Mrd. Euro überhaupt kein Geld sondern nur die Quittung für eine erfolglose Bilanzpolitik. (Anders sieht die Sache für Qimonda selber aus, da geht es, siehe die oben erwähnte Veröffentlichung, wirklich um Geld.)
Infineon besser als die Wettbewerber
Die Infineon AG hat also im Wesentlichen nur „Spielgeld“ verloren. Auch das ist nicht ohne Gefahr, wie alle seit der Bankenkrise wissen: Wenn man zu viel Bilanzverluste macht, dann wird es eng mit dem Eigenkapital. Wenn es damit zu eng wird, ist man überschuldet (Lehmann). Doch davon ist die Infineon AG weit entfernt. Nach den zuletzt veröffentlichten Zahlen vom 30.6.2008 betrug die Eigenkapitalquote 32 Prozent. Das ist der mit Abstand höchste Wert aller Halbleiterfirmen dieser Welt. Die anderen bewegen sich, soweit sie nicht in Staatsbesitz sind, inzwischen zwischen 5-15 Prozent Eigenkapital. Die Banken noch weit darunter.
Infineon ist keine Bank sondern eine Chipschmiede. Und aus diesem, auch Kernkompetenz genannten, Geschäft wird man wohl mit einer tiefroten Null rauskommen. Das heißt, man hat beim Entwerfen, Produzieren und Verkaufen von Chips keinen Gewinn gemacht. Aber der Verlust, den man dabei gemacht hat, ist mit ca. 4 Prozent vergleichsweise erträglich, hat er doch mal gerade ca. 6 Prozent des eingesetzten Kapitals gekostet. Oder anders gesagt: 6 Prozent des von den Aktionären eingezahlten Geldes ist wirklich weg. Das nennt man einen operativen Verlust. Schade für die Aktionäre. Aber nicht wirklich gefährlich für die „Operations“.
Ausdruck der Fehler des Managements
Was lernen wir daraus? Die Infineon AG hat viel „Spielgeld“ verloren. Gott – oder dem genial getimten Börsengang von 1999 – sei Dank hat sie davon aber immer noch reichlich. Die Infineon AG hat auch ein paar Millionen Euro richtiges Geld verloren. Aus oben genannten Gründen hat sie aber auch von den wirklichen Euros noch ca. 1 Mrd. Also insoweit kein Grund zur Panik. Grund, sich Sorgen zu machen aber natürlich reichlich. Sorgen darüber, dass ein Management, das nachweislich falsche Einschätzungen über die Werthaltigkeit seiner Finanzanlagen pflegt und auch operativ nur mäßig erfolgreich unterwegs ist, jetzt mit dem medialen Aufblasen seiner eigenen Anlagefehler Öffentlichkeit und Mitarbeiter in Schockzustände zu versetzen trachtet. Der Grund für dieses eigentümliche Verhalten ist offenkundig: Man will der Öffentlichkeit erklären, warum man den Mitarbeitern ans Portemonnaie gegangen ist. Nicht wirklich originell. Aber das erwartet ja buchstäblich Niemand mehr von dieser Seite.



