Die Arbeitnehmervertreter der IG Metall in den Aufsichtsräten von Siemens und Continental haben sich gegen den Verkauf von VDO ausgesprochen, dennoch verkauft Siemens die Automobilzuliefersparte zum Preis von 11,4 Mrd. Euro an Continental. Weder Conti noch Siemens sind bereit verbindliche Arbeitsplatzgarantien abzugeben.

Siemens VDO, Würzburg: Mit einem
24 Stunden Streik unterstrichen die Beschäftigten
die Forderung nach Standortsicherung
Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, hat den Unternehmen Siemens und Continental vorgeworfen, die Belange der Beschäftigten beim Verkauf der Autozulieferersparte nicht ausreichend berücksichtigt zu haben. „Weder Siemens noch Continental waren bereit, den Beschäftigten die geforderten, verbindlichen Zusagen in Bezug auf Arbeitsplätze und Standorte für den Zeitraum von fünf Jahren zu geben“, kritisierte Huber am Mittwoch in München.
Arbeitsplätze bei VDO und Conti in Gefahr
Conti erhofft sich von der Übernahme Synergien in Höhe von mindestens 170 Millionen Euro ab dem Jahr 2010. Es steht zu befürchten, dass diese Synergieeffekte vor allem durch Stellenabbau realisiert werden sollen.
Die Nachrichtenagentur dpa zitiert Conti-Chef Wennemer mit den Worten: es sei „völlig klar», dass es im Zuge der Übernahme auch zu Restrukturierungsprozessen kommen werde. Conti führe die von Siemens eingeleitete Restrukturierung bei VDO weiter. Es gebe aber einen Eckpunkte-Vertrag mit den Gewerkschaften, behauptet der Conti-Chef. Völlig schleierhaft ist, was für eine Vereinbarung das sein soll, zumindest mit der IG Metall gibt es keine. Der IG Metall Vorstand weißt in seiner Pressemeldung vom Mittwoch ausdrücklich darauf hin, dass das von den Unternehmen vorgelegte sogenannte Eckpunktepapier nicht die Anforderungen der Arbeitnehmerseite erfüllt und auch keineswegs mit dieser vereinbart ist.
Der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Werner Neugebauer wies darauf hin, dass es zwischen den Standorten von Conti Temic in Ingolstadt, Temic in Nürnberg und VDO in Regensburg weitreichende Überschneidungen gibt, was mit dem VDO-Standort in Würzburg passiert sei ebenfalls noch völlig offen.
Für die Standorte von Conti Temic in Ingolstadt und Nürnberg hat die IG Metall Bayern eben erst Tarifverträge abgeschlossen, die Standort und Beschäftigung mittelfristig sicher. Auf längere Sicht kann aber wohl auch für diese Standorte ein Stellenabbau nicht ausgeschlossen werden.
Aus dem Fall „BenQ nichts gelernt?
„Ich habe erwartet, dass der Fall BenQ zu einer höheren sozialen Kompetenz und Sensibilität im Siemens-Management geführt hätte“ beklagte Huber, der Aufsichtsratsmitglied der Siemens AG ist. „Aber da habe ich mich wohl geirrt“. Der IG Metall-Vize kündigte an, dass sich die Arbeitnehmervertreter „auf anderen Wegen“ für die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten stark machen würden.
„Ich bin enttäuscht darüber, dass die Beschäftigten den Unternehmen Siemens und Continental so wenig wert sind“, sagte Hans Fischl, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates von Siemens-VDO.
Seit Monaten Unruhe und Gerüchte
Nachdem Klaus Kleinfeld am Vorabend der Hauptversammlung am 25. Januar einen Börsengang von VDO angekündigt hatte, machten Gerüchte über einen möglichen Verkauf des VDO Werkes in Würzburg, die Zusammenlegung einzelner VDO-Standorte und massiven Stellenabbau die Runde.
Die verschiedenen Gerüchte und Spekulation führten zu erheblichen Verunsicherungen bei den betroffenen Beschäftigten. Die IG Metall Bayern forderte daher die Siemens AG dringend auf, endlich die Karten auf den Tisch zu legen und die Beschäftigten umfassend und vollständig zu informieren und damit klarzumachen, wo ihre beschäftigungspolitische Perspektiven sind. Die IG Metall hat mehrfach deutlich gemacht, dass für sie Standorterhalt, Arbeitsplatzabsicherung, Fortbestand der Tarifbindung und Übernahme der Beschäftigungssicherungsvereinbarung am Standort Würzburg absolut im Vordergrund stehen (siehe: in Verbindung stehende News). Zu entsprechenden Vereinbarungen waren weder Conti noch Siemens bereit.
Mit zahlreichen Aktionen haben die VDO-Beschäftigten gegen Standortschließungen und Stellenstreichungen protestiert. Besonders ergrimmt sind die Beschäftigten in Würzburg, die sich bereits vor zwei Jahren gegen Verlagerungspläne wehren mussten und seitdem per Ergänzungstarif zusätzlich einen stolzen Beitrag zum Erhalt ihres Werks leisten. Im Rahmen der Tarifrunde 2007 unterstrichen die Beschäftigten mit einem 24 Stunden Streik ihre Forderung nach Standortsicherung und sichere Arbeitsplätze.
Während sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff in der Öffentlichkeit massiv für einen Verkauf an Conti stark gemacht hat, war in der ganzen Diskussion von der Bayerischen Staatsregierung nichts zu hören.
Siemens VDO – erfolgreich aber mit wechselvoller Geschichte
Siemens VDO Automotive AG ist einer der weltweit führenden Automobilzulieferer für Elektronik und Mechatronik. Als Entwicklungspartner der Automobilindustrie fertigt das Unternehmen Produkte rund um Antriebsstrang, Motorsteuerelektronik und Einspritztechnik.
53 000 Mitarbeiter erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2005 / 2006 einen Umsatz von 10,0 Milliarden Euro sowie einen operativen Gewinn von 669 Millionen Euro: VDO ist damit einer der erfolgreichsten Siemens-Bereiche.
In der Bundesrepublik hat VDO etwa 20 000 Beschäftigte, davon allein in Bayern über 8 700 an den Standorten Regensburg (ca. 7 000) und Würzburg( ca. 1 700).
1986 ging ein Vorläufer der heutigen Siemens VDO als VDO Adolf Schindling AG an die Börse. 1991 übernahm Mannesmann die Mehrheit und 1994 wurde VDO vollständig durch die Mannesmann AG übernommen. 2001 kam es dann zur Fusion von Siemens Automotive in Regensburg und Mannesmann VDO zur Siemens VDO Automotive AG. Regensburg blieb auch nach dem Zusammenschluss Hauptsitz und einer der wichtigsten Produktionsstandorte von VDO.
Der Integrationsprozess von Siemens VDO Automotive in die Siemens AG wurde erst 2006 vollständig abgeschlossen, aber bereits im Frühjahr 2007 wurde der Bereiche wieder aus der Siemens AG ausgegliedert, um den geplanten Börsengang vorzubereiten, aus dem nun ein Verkauf an Conti geworden ist.
Ursprünglich hatte Siemens einen Börsengang für VDO geplant. Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Börsenpläne hatte Continental großes Interesse an einem Komplettkauf gezeigt. Im Bieterwettstreit hat sich Conti nun gegen den nordamerikanischen Automobilzulieferer TRW durchgesetzt, hinter dem der US-Finanzinvestor Blackstone steht.


