Die BILD-Zeitung veranstaltet seit drei Wochen Tag für Tag ein publizistisches Trommelfeuer gegen den Mindestlohn im Allgemeinen und bei den Briefzustellern im Besonderen. Der Grund ist einfach: Die Axel Springer AG, die "Bild" herausgibt, hat über eine halbe Milliarde Euro für die Mehrheit an der PIN-AG hingeblättert, einem privaten Briefzusteller.
Die PIN-AG ist mittlerweile der zweitgrößte deutsche Anbieter und hat mehr als 7000 Beschäftigte. Die Springer AG hält an an der PIN AG mehr als 70 Prozent.
Im Dezember 2006 dokumentierte die BILD-Zeitung die Einkommenssituation von Beschäftigten im Niedriglohnsektor noch mit einer „Schandliste der Hungerlöhne“. 10 Monate später hat sich die Position des Blattes dramatisch gewandelt: Gemeinsam mit anderen Publikationen aus dem Hause Springer mobilisiert BILD gegen den Mindestlohn.
Das ARD-Magazin "Report aus Mainz" hat jetzt über die Hintergründe des Meinungswandels berichtet. Würde der vereinbarte Mindestlohn für die Postbranche Realität, fiele die Rendite der Milliardeninvestition sicherlich deutlich geringer aus als geplant. Zum Beitrag auf SWR.de…
Nach Recherchen von "Report aus Mainz" zahlt PIN Briefzustellern bei einer 60-Stunden-Woche einen Stundenlohn von 4,50 Euro brutto! Das ARD-Magazin Plusminus berichtet von einem Briefzusteller bei PIN, der im letzten Monat gerade mal auf 800 Euro brutto kam. Das waren bei rund 54 Arbeitsstunden pro Woche nicht mehr als vier Euro pro Stunde.
Stimme des Volkes?
Bei solchen Hungerlöhnen ist es kein Wunder, dass sich laut ARD Deutschlandtrend, knapp 90 Prozent der Deutschen für gesetzliche Mindestlöhne aussprechen. Umso verwunderlicher, dass in der BILD-Zeitung, die sich laut Eigenwerbung doch als „Stimme des Volkes“ versteht, seit Wochen nur Gegner des Mindestlohns zu Wort kommen. Diese dürfen unwidersprochen die abwegigsten Behauptungen aufstellen. Bild meint: Mindestlöhne vernichteten Arbeitsplätze. Angeblich mehr als eine Million. Als Quelle müssen das Ifo-Institut und sein einschlägig bekannter Präsident Hans-Werner Sinn herhalten. Das andere Experten zu einem ganz anderem Urteil kommen, wird den BILD-Lesern einfach verschwiegen.
In den ganzen drei Wochen lässt "Bild" keinen einzigen unabhängigen Experten zu Wort kommen, der sich für den Mindestlohn ausspricht. In „Report aus Mainz“ sagt Prof. Rudolf Hickel von der Universität Bremen: „Wer heute in Deutschland behauptet, dass die Mindestlohneinführung zu 1,1 Millionen Arbeitsplatzverlusten führt, der sagt nicht die Wahrheit. Vor allem aber auch zeigen internationale Vergleiche, in den Vereinigten Staaten, dass Mindestlöhne durchaus nicht Arbeitsplätze vernichten müssen.“
Und auch der Arbeitsmarktexperte Prof. Stefan Sell von der FH Koblenz, der als eher wirtschaftsnah gilt, kommt in „Report Mainz“ zu Wort und verweist auf die guten Erfahrungen anderer Länder mit dem Mindestlohn: „Wir können sogar an einem Beispiel, Großbritannien, wo es seit langem einen Mindestlohn gibt, der auch kontinuierlich erhöht worden ist, zeigen, dass alleine in den letzten sechs Jahren dort fast 400.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich geschaffen worden sind. Trotz eines Mindestlohnes, der mittlerweile bei acht Euro in der Stunde liegt.“
Auch Deutschlands meistgelesenes Blog, BILDblog.de, beschäftigt sich mit der Frage, weshalb die BILD-Zeitung bereits seit Längerem einseitig gegen den Mindestlohn ins Feld zieht. In zwei Teilen hat BILDblog (Teil 1; Teil 2) die wichtigsten BILD-Meldungen zum Thema dokumentiert und kommentiert.



