Studierende der Hochschule für Fernsehen und Film München haben einen ganz besonderen Film gedreht: über einen bedrohten Industriestandort irgendwo in Süddeutschland.
Elektromeister Xaver sitzt seit ein paar Monaten zu Hause – im Vorruhestand. Seine Frau Karin arbeitet weiter in „seiner“ früheren Fabrik. Xaver fühlt sich nutzlos. Zwischen den beiden kriselt es. Nun soll die Fabrik geschlossen werden, und die Arbeiter treten in Streik. Xaver ist als altes Gewerkschaftstier mit Feuereifer dabei - doch beim Streikpostenstehen merkt er, dass er nicht mehr dazu gehört.
„Streikblues“ verschmilzt Spielszenen mit dokumentarischen Aufnahmen vom Streik bei AEG Nürnberg, wo die Beschäftigten Anfang 2006 wochenlang gegen die Schließung ihres Werkes kämpften. Ein Film über die ganz privaten Auswirkungen von „Umstrukturierungsmaßnahmen“.
Zur Handlung:
Vor kurzem war Xaver noch Meister und Betriebsrat in einer Fabrik für Spülmaschinen. Jetzt sitzt er als Frührentner zu Hause. Mit 55 plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden – daran kann er sich nicht gewöhnen. Und so streift er durch die Elektrogeschäfte und erteilt den Verkäufern unaufgefordert „gute Ratschläge“.
Vor allem aber gerät er in Konflikt mit seiner Frau Karin, die weiterhin in Xavers ehemaliger Fabrik beschäftigt ist. Er zeigt Neid, wenn sie morgens zur Frühschicht geht, nörgelt an ihr herum und schockiert sie mit einer plötzlichen Renovierungsaktion in der Küche. Doch Xaver ist keineswegs der einzige in der Fabrik, der gehen musste. Nachdem viele ältere Mitarbeiter in den Vorruhestand geschickt wurden, soll das Werk nun endgültig dicht gemacht und die Produktion ins Ausland verlagert werden. Die Belegschaft tritt in Streik.
Der Protest lässt Xaver und Karin für einen Moment ihre Eheprobleme vergessen. Gemeinsam fahren sie zum Streikpostenstehen ans Werkstor. Doch Xaver spürt, dass er nicht mehr dazu gehört. Die Kollegen brauchen seinen Rat nicht mehr. Und Karin versteht sich auffallend gut mit dem jungen Gewerkschafter Gerd.
Der Konflikt um AEG Nürnberg
Das AEG-Hausgerätewerk in Nürnberg stellte Waschmaschinen und Geschirrspüler her und war mit ca. 1750 Beschäftigten einer der wichtigen Arbeitgeber der Region. 1994 kaufte der schwedische Konzern Electrolux die Fabrik. Im Dezember 2005 kündigte Elektrolux an, das Werk zu schließen und die Produktion zu verlagern - hauptsächlich nach Polen – obwohl es schwarze Zahlen schrieb. Zur Begründung verwies Electrolux auf den Preisverfall bei Hausgeräten und auf die hohen Produktionskosten in Nürnberg. Ende Januar 2006 traten die Beschäftigten in Streik. Strategie der IG Metall war es, mit der Forderung nach extrem hohen Abfindungen die Schließung teuer und damit unrentabel zu machen.
Der Streik dauerte über sechs Wochen und wurde zum Symbol für den Kampf einer Region gegen Globalisierungsfolgen. Die Anteilnahme der Nürnberger war groß. Viele kamen mit Essen, Brennholz oder Geldspenden an die Werkstore. Am Ende einigte sich die IG Metall mit der Konzernspitze auf vergleichsweise hohe Abfindungssummen und eine Beschäftigungsgesellschaft, die die Folgen der Schließung für die Belegschaft abfedern soll. Das erklärte Ziel der Gewerkschaft, das Werk zu erhalten, wurde nicht erreicht. Ende März 2007 wird AEG Nürnberg geschlossen.
Die Macher von „Streikblues“ waren mehrfach in Nürnberg und machten Filmaufnahmen, so ist auch bei der großen Demo-Szene im Film ganz real die Stimme des Bezirksleiters der IG Metall Bayern, Werner Neugebauer zu hören. Die Studierenden der Hochschule für Fernsehen und Film München beobachteten und sprachen in Nürnberg mit den Streikenden. Das Drehbuch wurde danach entwickelt, so dass die fiktionale Filmhandlung sich nahtlos in die dokumentarischen Aufnahmen einfügt.
Der Autor – Stefan Ludwig
Geboren 1978. Lehrerkind aus Eichstätt, einer Kleinstadt zwischen München und Nürnberg. Erster Kurzfilm mit 16. Studierte Theaterregie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, wollte aber nach dem Abschluss näher an die Wirklichkeit ran als es am Theater möglich schien. Studiert heute Dokumentarfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Arbeitete als Filmvorführer, Altenpfleger, Staplerfahrer, Rikscha-Chauffeur, Mandelbrenner und am Fließband bei Audi.
Filmographie
1995 Dido - Eine Collage. Spielfilm 25 min
1996 Manfred macht Frühstück. Spielfilm 10 min
1999 L'incontro. Spielfilm 12 min
2003 Spielzeit. Dokumentarfilm 20 min
2004 Beißen Beißen Beißen. Dokumentarfilm 14 min
2006 Geliebte Stimmen. Dokumentarfilm 63 min
2006 Eichstätt – Alte Stadt und junger Geist. TV-Dokumentation für BR, 45 min
2007 Streikblues. Spielfilm 20 min
Besetzung
Xaver Christian Hoening
Karin Sonja Beck
Gerd Herbert Ulrich
Gonzalez Santos Juarez Basilio
Verkäufer Johannes Hauer






