Der neue Antikorruptionsbeauftragte des Konzerns, Andreas Pohlmann, hat in der Siemens-Schmiergeldaffäre deutliche Vorwürfe gegen das frühere Management erhoben: „Was wir als Korruptionsskandal bei Siemens sehen, war eindeutig ein Führungsproblem“ sagte Pohlmann der Süddeutschen Zeitung und sprach von „systematischen“ Verfehlungen.
Die große Schwachstelle in der Vergangenheit sei die fehlende Kommunikation untereinander gewesen, sagte Pohlmann in dem Interview (Süddeutsche Zeitung, Samstagsausgabe), man könne nicht einfach schriftliche Anweisungen in ein Unternehmen hineingeben und dann davon ausgehen, dass das umgesetzt wird, solche Regeln müssten vorgelebt werden. Siemens habe schon früher umfassende Compliance-Regeln und -Richtlinien gehabt, aber diese seien nicht eingehalten worden.
Scharfe Kritik übte Pohlmann in diesem Zusammenhang mit dem früheren Top-Management: „Wir haben es mit einer Führungskultur zu tun, die an vielen Stellen mit Recht und Gesetz und Richtlinien nicht im Einklang stand. Und zwar über viele Jahre.“
Dass aus einem Unternehmen eine so große Summe Geld verschwindet und die Führung davon nichts bemerkt hat, nannte Pohlmann „kaum vorstellbar“. Er sprach sich klar dafür aus, diese Führungsebene zur Rechenschaft zu ziehen: „Ich würde es als ungerecht empfinden, Mitarbeiter der unteren Ebenen heranzuziehen und die Top-Ebene, die möglicherweise Anweisungen gegeben hat, nicht zur Rechenschaft zu ziehen.“ Die Aufklärung werde „ohne Rücksicht auf das Ansehen einzelner Personen“ erfolgen.
Mit Hilfe der internen Ermittlermittlungen sollen die Drahtzieher des Systems ausfindig gemacht werden: "Wir wollen wissen, wer verantwortlich war", kündigte Pohlmann weiter an.
Die Compliance-Abteilung bei Siemens sei viele Jahre offenbar eher mit dem Verteidigen als mit dem Aufklären von Problemen beschäftigt gewesen. Heute hätte Siemens „eine Aufklärungskultur gegenüber einer Verteidigungskultur in der Vergangenheit“. Diese frühere Einstellung der Verteidigungskultur sei aber immer noch ziemlich präsent. Er, Pohlmann schere sich nicht darum, ob morgen etwas in der Presse stehe, „ich kläre auf. Wir legen alles auf den Tisch.“



